Römerbrief 13,1-14

Christ und Welt

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Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. (Röm 13,1)

Das Thema Christ und Staat ist sehr weitläufig und kann hier nur in einem sehr begrenzten Umfang behandelt werden. Paulus sieht jede staatliche Gewalt letztlich von Gott legitimiert. Es gehört zur göttlichen Ordnung, dass sich die Menschen in Staaten organisieren und dass diese Staaten eine Regierung haben, die Steuern und Gehorsam einfordern kann.
Paulus setzt hier eine Situation voraus, in der bereits das Diaspora-Judentum lange gelebt hat. Wenn wir die biblische Geschichte ansehen, so hat es nur eine relativ kurze Zeit gegeben, in der jüdische Religion und jüdischer Staat weitgehend identisch waren. Die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob lebten ihren Glauben an den einen Gott als Fremde in einem Land, das von anderen Herrschern regiert wurde. In Ägypten waren die Israeliten Fremde. Erst mit der auf den Auszug aus Ägypten folgenden Landnahme eroberten die Israeliten das ihnen von Gott zugesagte Land.
Hier sind biblische Erzählung und historische Wirklichkeit teilweise kontrovers. Während die Verfasser der Bibel den gelebten Glauben an den einen Gott in dem einen israelitischen Staat betonen und den weiterhin bestehenden Götterkult und die Trennung in zwei Königreiche nach Salomos Tod als Folge menschlicher Schuld betrachten, war die historische Entwicklung vermutlich komplexer. Viele Historiker vertreten die These, dass zur Entwicklung des Königreichs Israel keine gerade Linie vom Exodus über die Landnahme hin zu David führt. Es gab verschiedene Gruppen, die sich durch die Identität als Israeliten und den Glauben an den Gott Israels als Einheit sahen. Nordreich und Südreich hatten ihre jeweils eigenen Traditionen und waren schon immer weitgehend eigenständig, auch in der Gottesverehrung. Erst nach dem Untergang des Nordreiches wurde die biblische Geschichte auf Jerusalem als Zentrum von Königtum und Glauben hin gedeutet.
Beide jüdischen Reiche wurden erobert und seither lebt ein Großteil der Juden verstreut unter den Völkern. Daran änderte sich auch durch die Wiedererrichtung des Tempels nach dem babylonischen Exil nichts. Jerusalem blieb zwar ideologisches Zentrum des Judentums, es war Ziel von Wallfahrten, aber die Juden lebten in den multikulturellen Städten der hellenistischen und später römischen Welt. Sie lebten ihren Glauben und unterschieden sich durch ihr Festhalten an der Tradition der Väter von allen anderen Menschen.
Die Andersheit der Juden hat immer wieder zu Verfolgungen geführt, doch meistens war es eine friedliche Koexistenz. Auch das Verhalten der Regierungen gegenüber den Juden war von dieser Wechselhaftigkeit geprägt. Die Juden waren es gewohnt, sich an unterschiedliche Herrschaftsformen anzupassen. Bei all dem aber vergaßen sie nie das Zentrum ihres Glaubens und hielten an Gesetz und Gewohnheiten fest.
Auch Paulus kam aus der Diaspora. Er war es gewohnt, sich in einer andersgläubigen Umgebung mit seinem Glauben heimisch zu fühlen. Äußere Anpassung an die Forderungen des Staates war für ihn die beste Lösung, um den Glauben in einer möglichst großen Freiheit leben zu können. Er kannte die Risiken, dir dadurch entstanden, wenn die Juden sich gegen die staatliche Macht erhoben. Wenige Jahre vor der Entstehung des Römerbriefs wurden die Juden aus Rom vertrieben und durften gerade erst wieder dorthin zurückkehren.
Wir müssen die für unsere Ohren vielleicht zu staatsfreundlichen Worte vor diesem Hintergrund lesen. Das Römische Reich zur Zeit des Paulus hatte ja eine weitgehend gerechte Regierung. Natürlich dürfen wir daran nicht die Maßstäbe einer heutigen Demokratie anlegen. Es gab große Unterschiede zwischen Römern und Nichtrömern, Freien und Sklaven, Männern und Frauen. Aber es gab Gesetz und Recht und wer sich daran hielt, konnte relativ frei sein Leben gestalten. Nur wenn die relativ kleine Gruppe der Juden und nun die der Christen friedlich ihren Pflichten als Staatsbürger nachkam und sich an die geltenden Gesetze hielt, konnte sie ungestört ihren Glauben leben und weiter verkünden.
Paulus denkt hier nicht an einen offensichtlich ungerechten Staat wie wir ihn beispielsweise vom Dritten Reich her kennen. Die Worte des Paulus dürfen nicht als biblische Legitimation für einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber ungerechten Gesetzen und die Verletzung der Würde des Menschen verstanden werden. Wir lesen in anderen Büchern der Bibel, insbesondere der Offenbarung des Johannes, sehr wohl davon, dass es auch ungerechte Regierungen gibt, deren Ziel die Ausbreitung des Bösen ist und die im Kampf stehen mit Gott. Hier muss auch der Christ aufstehen und für Gerechtigkeit und Glauben kämpfen, wenn nötig bis zum Tod, wie es die Märtyrer getan haben.
Doch solange sich der Staat an Grundregeln der Gerechtigkeit hält, ist es Aufgabe des Christen, diesem Staat den schuldigen Gehorsam entgegenzubringen, sich an die Gesetze zu halten und Steuern zu zahlen. Das Christentum ist von seinem Ursprung her keine politische Religion. Darin unterscheidet es sich grundlegend vom Islam. Dort ist von Anfang an die religiöse Ausbreitung mit der politischen Herrschaft verbunden. Ein Staat, in dem Muslime leben, hat früher oder später auch ein muslimischer Staat zu sein. Darin sehe ich die größte Herausforderung der derzeitigen Flüchtlingskrise. Werden die Moslems bereit sein, sich in die westliche Zivilisation zu integrieren, oder werden sie stets danach streben, diese auch politisch gemäß den Ansichten ihrer Religion umzugestalten? Gerade auf diesen Aspekt sollte von unseren Regierungen das Hauptaugenmerk gerichtet werden, und es ist kritisch zu hinterfragen, ob es im Islam relevante Lehrmeinungen gibt, die eine friedliche Koexistenz von Muslimen und Nichtmuslimen in einem religiös neutralen Staat fördern.

Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest. Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut. Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre. (Röm 13,2-7)

Hier wird nochmals deutlich, dass Paulus hier eine Form des Rechtsstaates und keinen Unrechtsstaat vor Augen hat. Wer Gutes tut, hat von staatlicher Seite keine Strafe zu fürchten, wer aber Böses tut, muss mit Konsequenzen rechnen. Das Gute, dessen Einhaltung der Rechtsstaat fordert, steht im Einklang mit den Geboten Gottes, weshalb das Böse, das er ahndet, zugleich eine Verletzung der Gebote Gottes ist. Das macht der Hinweis des Paulus auf das Gewissen deutlich, das ja die Instanz im Menschen ist, die zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermag.
Vielleicht wir im letzten Vers dann aber doch noch eine Kritik des Staates deutlich. Steuer und Zoll mag der Bürger dem Staat schuldig sein, aber Furcht und Ehre? In gewisser Weise muss den regierenden der nötige Respekt dargebracht werden. Wo aber ein Herrscher sich als Gott sieht, wie es beispielsweise im römischen Kaiserkult, der erst nach dem Tod des Paulus zu seiner vollen Blüte erwachte, geschah, dort hört die Gefolgschaft des Christen auf. Furcht und Ehre gebühren letztlich allein Gott und wenn ein Mensch diese einfordert, darf der Christ sie ihm guten Gewissens verweigern.

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Hl. Schrift
Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer. (Röm 13,8)

"Eine Hand wäscht die andere", heißt es und "wie du mir, so ich dir". Auch in der antiken Gesellschaft war dieses Gleichgewicht von Geben und Nehmen verbreitet. Man soll niemand etwas schuldig bleiben. Wenn man von jemandem etwas in einer Notlage bekommen hat, soll man es schnellstmöglich zurückgeben, und sich nicht daran bereichern.
Aber es gib etwas, das kann man nicht nach dieser Formel begleichen. Die Liebe gehorcht nicht dem Gesetzt des "do ut des", ich gebe, dass auch du mir gibst. Die Liebe kennt kein Maß. Man kann nicht sagen, man hat jetzt genug geliebt. Die Liebe verschenkt sich stets, weil sie von einer nie versiegenden Quelle gespeist wird. All unsere Liebe kommt letztlich von Gott, und er schenkt seine Liebe unbegrenzt. Wir sind wie ein Brunnen, der von dieser Quelle gespeist wird, und der immer überläuft. Wer einen Maßstab an die Liebe anlegen will, hat noch nicht erfahren, was wirklich Liebe ist.
Freilich, Liebe muss auch Grenzen setzten, selbst wenn sie grenzenlos ist. Liebe darf nicht mit Mitleid verwechselt werden. Liebe muss auch streng sein. Aber gerade auch in dieser Strenge bleibt sie als Liebe erfahrbar. Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes. Liebe bedeutet nicht, alle Gesetze außer Kraft zu setzen. Liebe hält sich an Regeln, ohne die jede Liebe zugrunde gehen würde.

Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Röm 13,9-10)

Wie einfach wäre die Welt, wenn wir alle einander lieben würden. Man würde sich so viele Vorschriften sparen, so viele Ausnahmeregeln von diesen Vorschriften. Doch der Mensch findet immer wieder Ausreden, nicht lieben zu müssen. Ich wollte doch nur ... nur diese Kleinigkeit ... Wir kennen das von uns selbst zu genüge. Herr, hilf uns lieben.

Lasst uns also Gott lieben, wie er es will! Er hält dies für eine hochwichtige Sache. Wenn wir uns von ihm abwenden, so fährt er doch fort, uns zu rufen, wenn wir uns trotzdem nicht zu ihm wenden wollen, so straft er uns aus lauter Liebe, nicht um sich an uns zu rächen. ... Gott tut ja alles Mögliche, um von uns geliebt zu werden. Er hat deswegen nicht einmal seinen Sohn verschont. Aber wir sind gefühllos und hart. Aber lasst uns einmal weich werden, lasst uns Gott lieben, wie wir ihn lieben sollen, damit wir zugleich auch verkosten, wie süß diese Tugend ist! Denn wenn schon jemand, der eine geliebte Frau hat, die Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens für nichts achtet, bedenke, welch süße Freude der genießen mag, den die reine Gottesliebe beseelt! Sie ist ja das Himmelreich, sie ist wahrer Genuss, sie ist süße Wonne, sie ist Frohsinn, sie ist Freude, sie ist Glückseligkeit, ja, was ich auch immer sagen mag, ich bin nicht imstande, einen rechten Begriff von ihr zu geben. Die eigene Erfahrung allein kann uns ihre Schönheit verstehen lassen.
Lasst uns also dieser Einladung folgen und schwelgen in der Liebe Gottes! So werden wir das Himmelreich schon hier auf Erden schauen, ein Leben nach Art der Engel führen, noch auf der Erde weilend nicht weniger haben als die Himmelsbewohner, nach unserem Tod herrlicher als alle vor dem Richterstuhl Christi stehen und unsägliche Herrlichkeit genießen. Diese möge uns allen zuteilwerden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen. (Johannes Chrysostomus)
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Hl. Schrift
Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen. (Röm 13,11-14)

Christus ist das Licht der Welt. Sein Glanz vertreibt die Finsternis. Wer an ihn glaubt kann nicht mehr in der Finsternis leben, sondern ist gerufen in sein Licht. Die Nacht ist vorbei, die Zeit der Schatten, in der das böse Tun verborgen bleibt. Wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn. Johannes Chrysostomus sagt:

Nachdem der Apostel, was notwendig war, anbefohlen hat, drängt er seine Zuhörer zur Ausführung des Guten durch den Hinweis, dass es höchste Zeit dazu sei. Vor der Tür, will er sagen, steht der Augenblick des Gerichtes. ... Nahe ist die Auferstehung, nahe das schreckliche Gericht, nahe der Tag, der da glühend ist wie ein Feuerofen. Wir müssen uns darum in Zukunft freimachen von der Lässigkeit.
Siehst du, wie er seinen Zuhörern die Auferstehung als nahe bevorstehend darstellt? Die Zeit vergeht, will er sagen, das gegenwärtige Leben rinnt dahin, die Ewigkeit rückt näher. Bist du darauf vorbereitet, hast du alles getan, was dir geboten war, dann bedeutet für dich dieser Tag Heil; wenn aber das Gegenteil der Fall ist, dann nicht. Bisher bedient sich der Apostel zur Ermahnung nicht des Hinweises auf Leidvolles, sondern auf Tröstliches, um seine Zuhörer von der Anhänglichkeit an das Diesseits loszulösen.
Weil zu erwarten war, dass diese am Anfang in der ersten Zeit, so lange in ihnen die Liebe noch wirksam war, recht eifrig sein würden, im Laufe der Zeit aber ihr ganzer Eifer erkalten würde, so sagt der Apostel, dass sie das Gegenteil tun sollten, dass sie mit der fortschreitenden Zeit nicht nachlassen, sondern umso eifriger werden sollten.
Wenn die Nacht zu Ende geht, dann ist der Tag nahe. Lasset uns darum Werke des Tages vollbringen, nicht solche der Nacht! Das geschieht ja auch so im täglichen Leben. Wenn wir sehen, dass die Nacht ins Morgengrauen übergeht und wenn wir das Zwitschern der Schwalbe vernehmen, dann wecken wir ein jeder seinen Nachbar auf, obgleich es eigentlich noch Nacht ist. Wenn diese aber vollends geschwunden ist, dann sprechen wir zueinander, indem wir zur Arbeit drängen: "Es ist Tag geworden." Wir tun dann alles, was der Tag verlangt: wir kleiden uns an, verscheuchen die Traumbilder, reiben uns den Schlaf aus den Augen, damit uns der Tag zur Arbeit bereitfinde und wir nicht erst aufstehen und mit der Arbeit beginnen, wenn die Sonne schon hoch am Himmel steht. Was wir da leiblicher Weise tun, das wollen wir nun geistiger Weise vollbringen. Wir wollen die falschen Vorstellungen aufgeben, die Traumbilder des gegenwärtigen Lebens verscheuchen, den tiefen Schlaf abbrechen und das Kleid der Tugend anlegen.