Philipper 3,1-19

Vorbild des Apostels

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Vor allem, meine Brüder, freut euch im Herrn! Euch immer das Gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig, euch aber macht es sicher. (Phil 3,1)

Das Thema Freude durchzieht den gesamten Philipperbrief. Zu Beginn des Briefes macht Paulus deutlich, wie sehr er sich über die Gemeinde freut. In der Gemeinde herrscht Einigkeit, und diese gibt die Kraft, den Glauben in der Welt zu bezeugen. In Philippi gibt es nicht wie in manch anderen Gemeinden innere Streitigkeiten um Macht und Rechtgläubigkeit. Solche Kämpfe zerstören den Frieden der Gemeinde, bringen das Evangelium in Verruf und lassen keine Freude aufkommen.
Wir kennen das ja auch im Alltag. Wenn am Arbeitsplatz eine gute Stimmung herrscht, gehen wir viel lieber dorthin. Ein nörgelnder Chef oder griesgrämige Kollegen können uns den Alltag zur Qual werden lassen. Oder in der Verwandtschaft, wie viele Geschichten gibt es da zum Thema böse Schwiegermutter oder anstrengende Familienfeiern. Ich denke jeder von uns weiß, was es bedeutet, wenn er immer wieder Menschen begegnen muss, mit denen scheinbar kein Frieden möglich ist.
Aber warum ist das so? Schwierig ist es, wenn wirklich eine böse Absicht, krankhafte Machtsucht oder tiefgehende Antipathie die Ursache des Unfriedens ist. Da kann man sich wohl nur aus dem Weg gehen oder kämpfen oder muss versuchen, einander irgendwie zu ertragen. Es ist jedoch sehr wichtig, nicht gleich jedem, mit dem wir nicht so gut können, eine böse Absicht zu unterstellen. Ein offenes Gespräch, der Versuch, einander besser zu verstehen, der gute Wille auf beiden Seiten können hier helfen. Und auch wenn die Fronten schon verhärtet sind, kann es immer wieder passieren, dass meinst durch ein besonderes Ereignis zwei verfeindete Menschen wieder zusammen finden.
Vielleicht merken viele Menschen nicht, wie sie nach außen hin wirken und es ist auch niemand da, der sie ehrlich aber behutsam darauf hinweist, womit sie andere verärgern. Ich denke, viel Unfriede entsteht nicht aus einer bösen Absicht heraus, sondern aus Unverständnis. Dann schaukelt sich die gegenseitige Abneigung hoch und dann ist es schwer, etwas zu ändern. Hier können wir ansetzen, indem wir nicht von anderen erwarten, dass sie genau so sind und denken wie wir. Es gibt unterschiedliche Menschentypen, die einfach von ihrer Art her ganz verschieden sind. Wenn wir verstehen, warum jemand so reagiert und nicht anders oder sich in gewissen Situationen einfach so verhält, macht das den Umgang miteinander leichter.
Johannes Chrysostomus schreibt:

Wenn Traurigkeit und Sorge die Seele übermäßig in Anspruch nehmen, so berauben sie diese ihrer Kraft. Deshalb richtet Paulus die Philipper, die tief bekümmert waren, auf. Sie waren aber bekümmert, weil sie nicht wussten, wie es um Paulus steht, sie waren bekümmert, weil sie ihn bereits tot glaubten, sie waren bekümmert wegen der Predigt des Evangeliums, sie waren bekümmert wegen des Epaphroditus. Über alle diese Punkte nun verschafft er ihnen volle Beruhigung und Gewissheit, indem er sagt: "Freut euch!" Ihr habt, will er sagen, keinerlei Ursache mehr zur Traurigkeit: Ihr habt den Epaphroditus, um dessentwillen ihr betrübt wart, ihr habt den Timotheus, auch ich komme, das Evangelium macht Fortschritte. Was fehlt euch noch? Freut euch!

Bei aller Freude, sieht Paulus aber dennoch den Frieden in der Gemeinde von Philippi bedroht. Frieden ist nicht etwas, das uns ein für alle Mal geschenkt wird, sondern wir müssen ihn sorgfältig hüten. Ständig ändert sich die äußere und innere Situation. Neue Menschen tauchen auf, neue Gedanken. Es gilt, alles Neue zu prüfen, achtsam zu sein, und dem, was den Frieden stört, möglichst schon in seinen Anfängen zu wehren.

Gebt Acht auf diese Hunde, gebt Acht auf die falschen Lehrer, gebt Acht auf die Verschnittenen! Denn die Beschnittenen sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf irdische Vorzüge vertrauen, obwohl ich mein Vertrauen auch auf irdische Vorzüge setzen könnte. Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr. Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt. (Phil 3,2-6)

Mit drastischen Worten benennt Paulus die Stifter des Unfriedens. Hunde und Verschnittene waren Schimpfwörter mit religiösem Kontext, Hunde ein Schimpfwort für Heiden, Verschnittene ein Schimpfwort für Juden, das die Ehre der Beschneidung umdeutet zur Schande der Entmannung. Dennoch kritisiert Paulus hier nicht die Beschneidung an sich, sondern jene, die Beschneidung und jüdisches Gesetz für die höchsten Dinge halten. Für Paulus sind diese Dinge zwar gut, verblassen aber angesichts des Bedeutenderen, das Jesus Christus gebracht hat.
Johannes Chrysostomus schreibt:

Er bezeichnet die Beschneidung nicht als etwas Böses, erklärt sie nicht für etwas Überflüssiges, um jene Männer nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern er fasst es geschickter an, indem er sie zwar von der Sache abzubringen sucht, mit dem Namen aber, ja auch mit der Sache selbst absichtlich schonend verfährt. ... Er sagt nicht: Wir wollen untersuchen, welche Beschneidung besser sei, die ihrige oder die unsrige, ja er erkennt ihr nicht einmal diesen Namen zu, sondern was sagt er? Jene Beschneidung ist eine "Zerschneidung". Warum? Sie tun ja nichts anderes, als dass sie das Fleisch zerschneiden. Denn wenn bei diesem Akt die gesetzliche Vorschrift wegfällt, so bleibt nichts anderes übrig als ein Abschneiden und Zerschneiden des Fleisches.
Entweder also aus diesem Grunde, oder weil jene die kirchliche Einheit zu zerschneiden versuchten ist ihre Beschneidung wertlos. ... Nicht aber das Gesetz an sich bringt Schaden, sondern der Umstand, dass man von Christus abstehen muss, wenn man zum Gesetze steht. ... Denn das wäre so, wie wenn einer am hellsten Tage bei Lampenlicht sitzen bliebe.

Die Feinde des Friedens sind religiöse Fanatiker. Wir kennen das aus anderen Paulusbriefen und wir sehen, wie sehr Paulus sich über diese ärgert. Er selbst war ein solcher Fanatiker, hatte die Christen verfolgt, ja war sogar eine der treibenden Kräfte bei der Hinrichtung des ersten christlichen Märtyrers Stephanus. Paulus weiß, wovon er redet. Er hat eingesehen, dass dieser Fanatismus nicht Gottes Wille ist. Er hat erkannt, dass alle religiösen Vorschriften, die das Alltagsleben bis ins kleinste Detail regeln, letztlich nichts mit Gott und seiner Liebe zu tun haben. Gott ist es egal, was wir essen, wenn wir es nur in Dankbarkeit genießen. Gott ist es egal, wie wir uns waschen und pflegen, wenn wir nur in unserem Inneren rein sind. All diese Äußerlichkeiten haben nichts mit dem Glauben zu tun. Die Fanatiker verwechseln das und machen den Glauben an solchen Äußerlichkeiten fest. Dagegen wehrt sich Paulus aus tiefster Überzeugung heraus.

Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. (Phil 3,7-10)

Paulus könnte sich auch solcher Vorzüge rühmen, wie es seine Gegner tun. Vor seiner Bekehrung übertraf er sie in seinem Eifer für das Judentum. Doch Paulus hat eingesehen, dass dieser Eifer zu nichts dient. Vor Christus ist all das wertlos. Es sind zunächst irdische Vorzüge, die einem durch Geburt zukommen. Doch vor Christus gelten diese Vorzüge nichts. Vor Gott hat jeder Mensch die gleichen Voraussetzungen, um das Heil zu erlangen. Nicht auf angeborene Vorzüge, sondern auf die persönliche Entscheidung kommt es an.
Johannes Chrysostomus schreibt:

Er kommt nun auf das, was von seinem freien Willen abhing. Denn alles, was er vorher anführte, hat mit der freien Selbstbestimmung nichts zu tun; denn es war nicht sein Verdienst, dass er beschnitten wurde, dass er aus dem Volk Israel und dem Stamm Benjamin war. Er war ihnen also auch aus diesen Gründen überlegen. Er kommt nun auf das zu sprechen, was von seinem freien Willen abhing, worin hauptsächlich sein Vorzug liegt. ... Paulus hat einen so sorgfältig geordneten, von frühester Kindheit an begonnenen Wandel, einen so großen Adel, so viele Gefahren, so zahlreiche Nachstellungen, so schwere Mühen, ein so eifriges Streben weggeworfen und für Schaden gehalten, was ihm vorher Gewinn war, um Christus zu gewinnen. ...
Treffend sagt er: "nicht meine Gerechtigkeit", d.h. diejenige, die er sich durch Mühe und Schweiß erworben hat, sondern diejenige, die ihm durch die Gnade zu Teil wurde. Wenn also er, der so viel Gutes getan hat, nur durch die Gnade gerettet wird, so ist das noch viel mehr bei den anderen der Fall. Weil nämlich zu vermuten stand, dass sie dieser durch eigene Bemühung erworbenen Gerechtigkeit das größere Gewicht beilegen würden, so zeigt er, dass dieselbe im Vergleich mit jener andern nur Unrat ist. ... Die Gerechtigkeit, die Paulus hier meint ist jene, die aus dem Glauben an Gott kommt. Sie ist von Gott verliehen, ist Gottes Gnadengeschenk. Gottes Gnadengeschenke aber gehen über das bescheidene Maß der Tugendwerke, die wir durch unsere Bemühung zustande bringen, weit hinaus.

Jesus Christus ist für Paulus die Mitte des Glaubens. Er, der die Menschen durch seinen Tod und seine Auferstehung gerecht macht vor Gott. Durch ihn sind wir hinein genommen in Gottes liebendes Herz. Das bedeutet Friede und Freude, im Herzen Gottes zu ruhen. Aus dieser Liebe und der Gerechtigkeit des Glaubens heraus sollen wir leben in der Freiheit der Kinder Gottes, die nicht ängstlich auf irdische Regeln bedacht sind, sondern sich als Menschen wissen, die von Gottes Fülle beschenkt sind.

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Heilige Schrift
Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. (Phil 3,10-12)

Paulus wird hier sehr persönlich. Er sagt der Gemeinde, dass selbst er als Apostel nicht vollkommen ist. Kein Mensch ist vollkommen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Die Vollkommenheit wird uns erst noch geschenkt, wenn wir einmal mit Christus beim Vater sind. Hier auf Erden sind wir Suchende, die sich nach der Vollendung sehnen. So werden wir mehr und mehr Christus ähnlich.
Johannes Chrysostomus schreibt:

"Gleichgestaltet seinem Tode", sagt er, das bedeutet daran teilnehmend. Wie nämlich Christus von den Menschen zu leiden hatte, so auch wir. ... Daher sollen Verfolgungen, Trübsale und Bedrängnisse uns nicht nur nicht aus der Fassung bringen, sondern sogar mit Freude erfüllen, weil wir durch dieselben "seinem Tode gleichgestaltet" werden. ... Auch dies ist eine Folge lebendigen Glaubens. Wir glauben nämlich nicht nur, dass er auferstanden ist, sondern dass er auch nach seiner Auferstehung eine große Macht besitzt. Deshalb gehen wir denselben Weg, den er gegangen ist und werden in dieser Beziehung zu einem Christus.
Paulus scheint hier ein großes Geheimnis anzudeuten. Er will sagen: Ich glaube an ihn und seine Auferstehung, ja ich leide auch um seinetwillen, aber darum kann ich bezüglich der Auferstehung noch nicht unbesorgt sein. Paulus meint hier jene Auferstehung, welche zu Christus selbst führt. Wenn es ihm gelingt, alle Kämpfe glücklich zu bestehen, so wird es ihm auch gelingen, seine Auferstehung zu erlangen. ... Doch jetzt, sagt er, ist er dessen noch nicht würdig, noch lebt er mitten im Kampf und fern vom Ziel, noch hat er den Kampfpreis nicht gewonnen, noch läuft er und strebt danach.

Dass wir noch fern vom Ziel sind und uns des Siegespreises nicht gewiss sein können, soll für uns Ansporn sein zu noch größerem Eifer. Auch wenn der Siegespreis ein reines Geschenk von Gottes Gnade ist, so ist er doch nicht ohne unsere Anstrengung erreichbar. Hier wird das Geheimnis von Gottes Gnade deutlich. Wenn wir nur die eine oder nur die andere Seite betrachten, gehen wir in die Irre. Das Heil erwerben wir nicht allein durch unsere Anstrengung, aber ohne unsere Anstrengung werden wir es verlieren. Es wird uns ganz von Gott geschenkt, aber wir müssen so leben, dass wir uns des Geschenkes Gottes würdig erweisen.

Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt. (Phil 3,13-14)

Wir können uns nicht auf vergangenen Lorbeeren ausruhen. Der Siegespreis kommt am Ende. Jetzt stehen wir im Wettkampf in immer neuen Runden. Wir sammeln Punkte, aber doch können wir immer wieder neu beginnen. Sieger wird nicht, wer am meisten Punkte hat, sondern wer bis zum Ziel durchhält. Dieses Bild ist tröstlich, aber es rüttelt uns auch auf. Es stellt uns vor eine ständige Herausforderung, aber es ist auch ein Bild großer Hoffnung.
Der heilige Franz von Sales sagt:

Wenn dein Herz wandert oder leidet,
bringe es behutsam an seinen Platz zurück,
und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn.
Und selbst wenn du in deinem Leben nichts getan hast,
außer dein Herz zurückzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen,
obwohl es jedes Mal wieder fortlief,
nachdem du es zurückgeholt hattest,
dann hast du dein Leben wohl erfüllt.

Wir können jeden Tag neu mit dem Training beginnen. Auf das, was hinter uns liegt, brauchen wir nicht zu schauen. Natürlich, wir sind auch geprägt von unserer Vergangenheit und wenn wir großen Mist gebaut haben, sollten wir das auch irgendwie in Ordnung bringen, aber solange wir leben wird es nie einen Punkt geben, an dem wir nicht neu anfangen können.
Vergessen, das heißt nicht: sich nicht mehr erinnern, die Vergangenheit auslöschen wollen, sondern: nicht mehr darin verhaftet sein, loslassen können, damit auch: frei werden können, Raum schaffen für etwas Neues, für Gottes schöpferisches Handeln in meinem Leben. Es kann auch heißen: sich versöhnen mit der eigenen Lebensgeschichte. Alles beginnt mit dieser bewussten Entscheidung der Kehrtwendung und Hinwendung auf Neues hin.
Wir vergessen, was hinter uns liegt, nicht nur das Schlechte, auch das Gute müssen wir vergessen. Johannes Chrysostomus sagt: Nichts raubt so sehr unseren Tugendwerken Verdienst und Wert, als wenn wir an das Gute, das wir getan haben, selbstgefällig zurück denken. Das birgt nämlich eine doppelte Gefahr, es macht uns zum einen nachlässiger, zum anderen führt es uns zu hochmütiger Selbstüberhebung. ... Paulus sagt: Ich bin einzig und allein darauf bedacht, nach dem, was vor mir liegt, zu streben. ... Das Vergessen dessen, was hinter ihm lag, war es, was ihn nach dem, was vor ihm lag, streben ließ. Wer sich nun schon für vollkommen hält und in dem Wahn lebt, dass ihm nichts mehr zur vollendeten Tugendhaftigkeit fehlt, wird auch zu laufen aufhören, als habe er bereits alles erreicht, wer dagegen vom Ziel noch weit entfernt glaubt, der wird nicht aufhören zu laufen. ... Denn nur dann werden wir alle Kräfte aufbieten, wenn wir unseren ganzen Eifer zur Erreichung dessen, was uns noch abgeht, zusammennehmen, und die schon errungenen Erfolge der Vergessenheit anheimgeben.

Das macht Paulus im nächsten Satz noch einmal deutlich:

Das wollen wir bedenken, wir Vollkommenen. Und wenn ihr anders über etwas denkt, wird Gott euch auch das offenbaren. Nur müssen wir festhalten, was wir erreicht haben. (Phil 3,15-16)

Ja, die Philipper sind vollkommen. Sie wurden in der Taufe rein gewaschen und zu Kindern Gottes. Aber doch steckt in dem Satz eine gewisse Mahnung. Ja, ihr haltet euch für vollkommen, aber passt auf, dass ihr euch nicht überhebt. Bedenkt meine Worte. Wer anders denkt, der soll nicht gleich Kritik üben, sondern noch einmal in sich gehen.
Aber folgt nun nicht ein Widerspruch? Zuerst hat er vom Vergessen geredet, nun spricht er vom Festhalten des Erreichten. Aber wird nicht gerade durch den ständig neuen Eifer das Erreichte festgehalten?
Paulus selbst will Vorbild für die Gläubigen sein. Ein Vorbild kann nur jemand sein, der selbst auf dem Weg ist. Sonst wird er zum Idol, das die Menschen vergöttern, das aber letztlich kein Vorbild ist, weil der äußere Glanz nur den inneren Schmutz überdeckt.

Ahmt auch ihr mich nach, Brüder, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt. Denn viele - von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche - leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn. (Phil 3,17-19)

Es ist ein inniges Anliegen, das Paulus hier am Herzen liegt und sichtlich schmerzt. Er erinnert sich an viele, die ihm wohl seit der Zeit seiner Missionstätigkeit sehr vertraut waren. Jetzt aber gehen sie andere Wege. Sie halten sich nicht an das Evangelium, das Paulus in seinen Gemeinden verkündet hat. Was sie genau zu Feinden des Kreuzes Christi gemacht hat, erwähnt Paulus nicht. Vielleicht haben sie ihre Position in der Gemeinde zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt, haben es dann mit dem Glauben nicht mehr so ernst genommen und sich eine eigene Religion zusammen gebastelt, die dem nicht mehr entsprach, was Paulus über Jesus Christus verkündet hat. Umso mehr ermahnt Paulus diejenigen, die ihm und seinem Evangelium bisher treu geblieben sind, das auch weiterhin zu bleiben. Wer seinem Beispiel folgt, geht sicher auf dem Weg des Heiles und soll sich von anderen vermeintlichen Heilsbringern nicht verunsichern lassen.