Apostelgeschichte 1,15-26

Wahl des Matthias

.
Hl. Matthias
In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder - etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen - und sagte: ... (Apg 1,15)

Petrus hat nach der Himmelfahrt Jesu die Leitung der kleinen, aber ständig wachsenden Gruppe der Anhänger Jesu übernommen. Waren nach der Rückkehr vom Ort der Himmelfahrt zunächst nur etwa 20 Personen zum gemeinsamen Gebet versammelt, sind nun schon 120 zusammen gekommen. Diese Zahl entspricht dem symbolischen Wert 10x12, was eine Vielzahl von 12 meint. Die Zwölf steht für das Zwölfstämmevolk Israel. Wie die zwölf Söhne Jakobs die Stammväter Israels bilden, so sind die zwölf Apostel das Fundament des neuen Gottesvolkes. Wenn nun die 12 mit der 10 multipliziert wird, so steht dies symbolisch für das Wachstum der Kirche Gottes. Um aber diesen symbolischen Wert beizubehalten, musste der Kreis der Zwölf, der nach dem Verrat und Tod des Judas Iskariot eines seiner Mitglieder verloren hat, wieder zu seiner symbolischen Fülle ergänzt werden. Hierzu ergreift Petrus mit seinen Worten die Initiative:

Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. Mit dem Lohn für seine Untat kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander und alle Eingeweide fielen heraus. Das wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; deshalb nannten sie jenes Grundstück in ihrer Sprache Hakeldamach, das heißt Blutacker. Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Gehöft soll veröden, niemand soll darin wohnen! und: Sein Amt soll ein anderer erhalten! (Apg 1,16-20)

Drastisch schildert Petrus hier das Ende des Judas Iskariot. An dem vom Lohn seines Verrats erworbenen Grundstück hatte er keine Freude, vielmehr erleidet er einen qualvollen Tod. Von Selbstmord ist hier nicht die Rede, das Hervorquellen der Eingeweide ist aber ein Bild für ein besonders schmerzhaftes und unrühmliches Lebensende. In allem was geschieht, erfüllt sich, was in den Psalmen verheißen ist. Sowohl der Verrat des Judas als auch sein Ende und die Verdammnis seines Besitzes (die Gegend um das Hakeldamach-Kloster, in der man den Blutacker vermutet, ist bis heute ein ungewöhnlicher Ort in Jerusalem) wird in den Psalmen vorgezeichnet. Der kundige Leser kann die Psalmenstellen (Ps 69,26; 109,8) auf diese Ereignisse deuten.
Aber noch etwas anderes ist in den Psalmen vorausgesagt: dass für das Apostelamt des Judas, das dieser durch sein Tun verloren hat, ein würdiger Nachfolger gefunden werden muss. die Kriterien für einen solchen Nachfolger lauten:

Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, - einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. (Apg 1,21-22)

Der Kreis derer, die Jesus gefolgt sind, ging schon immer über die zwölf Apostel hinaus. So wird beispielsweise von einer Aussendung von zweiundsiebzig Jüngern berichtet (Lk 10,1-16). Auch wenn wir beim Lesen der Evangelien den Eindruck gewinnen, dass allein die Zwölf den harten Kern gebildet haben, der immer bei Jesus war, so wird hier deutlich, dass die Zahl derer, die Jesus vom Beginn seines Auftretens an nachgefolgt sind, weit größer ist. Den zwölf Aposteln kam in diesem Jüngerkreis wohl eine symbolische Bedeutung und eine hierarchische Vorrangstellung zu. Die Abweichungen in den Apostellisten der vier Evangelien, die die Exegese versucht, durch verschiedene Deutungen in Einklang zu bringen, könnten auch ein Hinweis darauf sein, dass es unterschiedliche Überlieferungen gab, wer genau dem Zwölferkreis angehörte. Außerdem müssen wir unterscheiden zwischen dem Begriff Apostel und dem Zwölferkreis. Auch Paulus sieht sich als Apostel, ebenso wie andere Missionare der "ersten Stunde".
Hier wird auch die wichtigste Aufgabe der Apostel und aller Jünger Jesu genannt: Zeuge der Auferstehung Jesu Christi zu sein, das heißt, der Welt zu verkünden, dass Jesus lebt und das eigene Leben auf diesen Glauben zu bauen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und somit erfahrbar zu machen, dass für alle Menschen der Weg zu Himmel offen steht und Gott mit den Menschen ist und sich um die kümmert, die an seinen Namen glauben.

Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugerechnet. (Apg 1,23-26)

Zwei Männer erfüllen diese Voraussetzungen und werden zur Wahl aufgestellt: Josef, genannt Barsabbas und Matthias. Das Los soll entscheiden, aber wichtig ist auch das Gebet. Somit wird deutlich, dass durch den Losentscheid letztlich Gott seinen Willen offenbar werden lässt. Das Los fällt auf Matthias, der von nun an zu den zwölf Aposteln gehört.

"Matthias" ist die Kurzform des gräzisierten Namens "Mattathias", der auf den hebräischen Namen "Mattitjah" zurückgeht, was so viel bedeutet wie "von Jahwe gegeben", "Gottesgabe". Matthias wird zum positiven Gegenbild des treulosen Judas. Durch seine Nachwahl wird deutlich, dass Gott trotz menschlichen Versagens treu zu seinen Verheißungen seht. Die Schuld der Menschen kann Gottes Plan nicht zerstören. Gott beruft immer neu Menschen für den Dienst, den er sich ausersehen hat. Papst Benedikt XVI. sagt dazu:

Auch wenn in der Kirche unwürdige Christen und Verräter nicht fehlen, ist jeder von uns aufgerufen, ein Gegengewicht zu dem von ihnen begangenen Übel zu schaffen, durch klares Zeugnis für Jesus Christus, unseren Herrn und Erlöser.

Über das weitere Wirken des Matthias erfahren wir in der Apostelgeschichte nichts. Die Angaben aus späteren Schriften und Legenden halten einer kritischen historischen Prüfung nicht stand. Es wird berichtet, dass Matthias aus einer wohlhabenden Familie Bethlehems stammen soll und dass er so Jesus bereits in jungen Jahren kennen gelernt habe. Nach dem Pfingstfest ist er wie die übrigen Apostel ausgezogen, um von Jesus Christus Zeugnis zu geben. Allerdings gibt es unterschiedliche Angaben über sein Wirken. So soll er in Galiläa, Makedonien, Kappadokien, in der Gegend um das Kaspische Meer und in Äthiopien gepredigt haben. Auch über den Tod des Heiligen gibt es verschiedene Überlieferungen. Eine Legende besagt, dass er von Heiden halbtot gesteinigt wurde und schließlich durch ein Beil den Märtyrertod fand. Aus diesem Grund wird Matthias häufig mit Beil oder Schwert dargestellt. Eine andere Geschichte erzählt, dass der Apostel Andreas ihn aus den Händen von Menschenfressern rettete und er später eines friedlichen Todes starb.
Seine Reliquien sollen zunächst in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom bestattet worden sein. Im 4. Jahrhundert ließ Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, die Gebeine des Heiligen Matthias nach Trier überführen. Trier gehörte damals zu den bedeutendsten Städten des Römischen Reiches und wurde unter Konstantin zur größten römischen Stadt nördlich der Alpen ausgebaut. Daher lag es nahe, der Stadt durch die Gebeine des Apostels zusätzlich eine besondere Bedeutung zu geben. Nach der Zeit der Völkerwanderung galten die Gebeine des Apostels als verschollen, wurden aber um das Jahr 1050 wiederentdeckt und 1127 in die Abtei übertragen, die seither den Namen des Apostels trägt. Besonders im Rheinland entstand eine große Zahl von Matthias-Bruderschaften. Als einziges Apostelgrab in Deutschland ist Trier vom Mittelalter an bis heute Ziel zahlreicher Wallfahrten.
In der Ikonographie erscheint Matthias seit dem 13. Jahrhundert mit den Attributen Schwert, Beil oder Hellebarde, die auf sein Martyrium hinweisen. Er ist Patron der Metzger, Schweinehirten, Zimmerleute, Schneider, Schmiede, Zuckerbäcker und Schulkinder. Matthias ist bis heute als Taufname beliebt und zahlreiche Familiennamen wie "Thees", "Theis", "Thissen" oder "Tigges" weisen auf den Apostel hin.

Matthias, Apostel der Treue, du hast Jesu Auftrag treu erfüllt. Du gehörtest von Anfang an zu den Jüngern Jesu und hast dem Herrn auch nach dem Karfreitag die Treue gehalten. Dann bist du ausgezogen, das Evangelium zu verkünden und das zu tun, was der Herr dir aufgetragen hat. Zu dir rufen wir: Heiliger Matthias, bitte für uns!
Zu der Apostel Zahl
gesellt durch heil'ge Wahl:
Matthias, Gottes Zeuge.
Jetzt an des Höchsten Thron
hilfreicher Schatzpatron,
zu uns dich niederbeuge.
Das ganze Land
hebt Herz und Hand
empor zu dir vertrauend.