Lukas 24,36-53

Der Auferstandene

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Auferstandener
Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! (Lk 24,36)

Lukas berichtet nicht von einer Begegnung der Frauen am Grab mit dem Auferstandenen. Sie sehen dort nur einen Engel. Simon Petrus ist nach Lk 24,34 der erste, dem der Auferstandene begegnet, aber diese Begegnung wird nur erwähnt, nicht näher geschildert. Stattdessen berichtet Lukas ausführlich die Begegnung des Auferstandenen mit den Emmausjüngern. Das Dorf Emmaus liegt nach seiner Schilderung nahe bei Jerusalem, konnte aber bis heute nicht eindeutig bestimmt werden.
Lukas lokalisiert die Ereignisse um die Auferstehung Jesu allein in Jerusalem. Wahrscheinlich aber spielte sich die Begegnung Jesu mit Simon Petrus in Galiläa ab. Das passt nicht in das Bild des Lukas, daher berichtet er nicht im Detail von ihr. Bei Matthäus erscheint Jesus den Jüngern in Galiläa. Dort findet auch das Ereignis der Himmelfahrt statt, von dem Matthäus aber nur ansatzweise berichtet. Bei Johannes finden wir beide Traditionslinien, Erscheinungen des Auferstandenen in Jerusalem und in Galiläa.
Nach der Erscheinung des Auferstandenen vor Simon Petrus und den Emmausjüngern zeigt sich Jesus nun allen, die in Jerusalem versammelt sind. Lukas nennt nicht die Zahl der versammelten Jünger und auch keine Namen. Es sind diejenigen, die Jesus nachgefolgt sind. In der Apostelgeschichte wird er die Namen der elf Apostel nennen zusammen mit Maria.
Das Wort des Auferstandenen an die Versammelten ist der Friedenswunsch. "Friede sei mit euch!" Dieser Gruß des Auferstandenen hallt durch die Jahrhunderte. Als Glaubende sind wir gerufen, diesen Friedenswunsch des Herrn in die Welt zu rufen, in allen Hass und alle Kriege hinein, in alles, was Menschen einander antun. Der Auferstandene ist da, um der Welt den Frieden zu bringen.

Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen. (Lk 24,37-43)
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Auferstandener

Jesus ist den Jüngern nach seiner Auferstehung nicht als Geist erschienen, sondern in einem Leib. Das machen die Berichte über die Erscheinungen des Auferstandenen deutlich. Die Jünger konnten Jesus berühren und er hat vor ihren Augen gegessen. Und doch haben sie Jesus zunächst nicht erkannt. Sein Aussehen muss sich also verändert haben.
Was ist der Leib des Menschen? Er ist zu unterscheiden vom Körper. Als Körper des Menschen können wir seine rein materiellen Bestandteile bezeichnen. Dieser Körper besteht aus verschiedenen Zellen und Stoffen, die von Naturwissenschaft und Medizin eindeutig zu bestimmen sind. Dieser Körper wächst und erneuert sich, wird alt und verwest schließlich einmal im Grab.
Wir können aber über das rein Materielle hinaus auch noch etwas anderes am Menschen erkennen. Oft sagen seine Gesichtszüge sehr viel darüber aus, wie ein Mensch ist. Güte und Herzlichkeit hinterlassen am Aussehen ebenso ihre Spuren wie Hass und Gewalttätigkeit. Auch wenn man einem Menschen in die Augen blickt, kann man darin vieles über das Innere dieses Menschen sehen. Dies sind nur einige wenige Beispiele dafür, die zeigen, dass der Leib eines Menschen mehr ist als ein biologischer Organismus.

Man kann ihn vielmehr verstehen als den in die menschliche Biographie hineingezogenen "Körper", der also vom Charakter und der Lebensgeschichte eines Menschen sichtbar geprägt ist. (Medard Kehl)

Der Auferstehungsleib ist somit Ausdruck des Wesens eines Menschen in seiner Reinform, unabhängig von allen Einschränkungen und Gebrechen der Körperlichkeit. In ihm ist alles Gute bewahrt, das das Leben eines Menschen geprägt hat. Gott wird das, was Liebe war im Leben eines Menschen, in seiner Güte vollenden. Alles aber, was der Liebe Gottes im Leben eines Menschen nicht gerecht wurde, wird Gott vom Menschen nehmen, wenn er zu dieser Versöhnung mit Gott bereit ist.
Daher zeigt sich Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern in einer verwandelten Gestalt. Viele rein irdische Züge sind an ihm nicht mehr zu erkennen. Alles strahlt von seiner göttlichen Reinheit. Und doch behält er die Wundmale, denn seine Wunden sind Ausdruck seines tiefsten Wesens, sind Zeichen für eine Liebe, die sich selbst treu bleibt bis in den Tod und damit den Tod überwindet.
Auferstehung ist also kein rein geistiges Geschehen. Dies zeigt das leere Grab Jesu ganz deutlich. Jesus hätte den Jüngern nicht als der Auferstandene in einem neuen Leib erscheinen können, wenn gleichzeitig sein alter Leib noch im Grab gelegen hätte. Alles, was vom irdischen Leib noch übrig ist, wird hineinverwandelt werden in den himmlischen Leib.
Die Berichte über die Erscheinungen des Auferstandenen sollen vor allem eines deutlich machen: Die Auferstehung Jesu ist keine klug ausgedachte Geschichte der Jünger, damit die "Sache Jesu" irgendwie weiter geht. Sie ist tatsächlich geschehen. Mehrere voneinander unabhängige Zeugen haben an verschiedenen Orten den auferstandenen Herrn gesehen und haben ihn zweifelsfrei erkannt.
Für die Jünger war es zunächst nicht klar, wie es nach Jesu Tod weitergehen wird, für sie war die Auferstehung nicht selbstverständlich. Sie verkrochen sich ängstlich hinter verschlossen Türen und waren zunächst einmal überrascht, als plötzlich der Auferstandene vor ihnen stand. Sie konnten es erst nicht glauben, aber dann lieferte ihnen Jesus handfeste Beweise dafür, dass er es ist und dass er lebt.
Jesus macht den Jüngern deutlich: Ich bin es wirklich, ich bin kein Geist. Lasst keine Zweifel aufkommen, fasst mich an und begreift, kein Geist hat Fleisch und Knochen wie ihr es bei mir seht! Und als sie immer noch zweifeln, isst er vor ihren Augen. Die Jünger sollen greifen und be-greifen: Ja, es ist der Herr!
Jesus will den Jüngern helfen, ihre Zweifel zu überwinden. Sie können sagen: Jesus lebt wirklich, wir haben ihn berührt, er hat vor unseren Augen gegessen. Nur wer wirklich erfahren hat, dass Jesus lebt, kann seinen Auftrag erfüllen, Zeuge der Auferstehung zu sein. Oder sagen wir es anders: Wer Jesus als dem Auferstandenen begegnet ist, kann nicht mehr leben, wie bisher. Die Gewissheit, dass Jesus lebt und dass in ihm das Leben ist, treibt uns an, diese Freude allen Menschen zu verkünden.

Dann sprach er zu ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist. Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift. Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeugen dafür. Und ich werde die Gabe, die mein Vater verheißen hat, zu euch herabsenden. Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet. (Lk 24,44-49)

Zeuge des Auferstandenen zu sein heißt auch, verstehen was er gelehrt hat, verstehen, was die Schrift über ihn sagt. Jesus öffnet den Jüngern die Augen für das Verständnis der Schrift und bereitet sie vor auf das Kommen des Heiligen Geistes, der sie zum Zeugendienst befähigen wird.

Der auferstandene Christus braucht Zeugen, die ihm begegnet sind, Menschen, die ihn durch die Kraft des Heiligen Geistes zutiefst kennen gelernt haben. Menschen, die von ihm Zeugnis geben können, weil sie ihn sozusagen mit eigenen Händen berührt haben. (Benedikt XVI.)
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Lukas 24
Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. (Lk 24,50-52a)

Nachdem Jesus als der Auferstandene seinen Jüngern erschienen ist und ihnen alles gesagt hat, was zu sagen war, geht er mit ihnen hinaus zum Ölberg in Richtung Betanien. Diesen Weg sind sie oft gemeinsam gegangen. Nun ist es das letzte Mal, dass Jesus leiblich diesen Weg mit ihnen geht. Dort wird er ihren Blicken entzogen. In der Apostelgeschichte wird Lukas dieses Ereignis durch das Erscheinen von Engeln noch weiter ausschmücken.
Die letzte Geste Jesu ist die des Segens. Segnend hält er seine Hände über den Jüngern, als er zum Himmel erhoben wird. Dieser Segen Jesu wird ein Segen ohne Ende sein, denn seine Segenshände wird er nun von seinem Platz bei Vater im Himmel immer über seine Jünger halten.
Jesus wird vor den Augen der Jünger in den Himmel erhoben. Das bedeutet nicht, dass Jesus als eine Art Superman der Antike in die Lüfte geflogen ist. Sicher, die Jünger haben vor Staunen den Mund nicht mehr zubekommen und mussten erst wieder in die Realität zurückgeholt werden. Aber es ist nicht das Wunder eines fliegenden Jesus, das es heute zu bestaunen gilt.
Was uns an Christi Himmelfahrt auch heute noch zum Staunen bringen kann, ist die Ehre, die Gott dem Menschen erweist. In Jesus Christus ist Gott wirklich als Mensch geboren worden und hat als Mensch gelebt. Bei seiner Himmelfahrt nimmt Jesus nun auch dieses Menschsein von der Erde mit in den Himmel hinauf.
Jesus, Gottes Sohn und Bruder der Menschen, kehrt mit unserer menschlichen Natur in Gottes Herrlichkeit zurück! Nun ist Gott nicht mehr nur der Freund des Menschen aus der Ferne, sondern das Menschliche ist ihm ganz nah, ist direkt am "Herzen Gottes", ist mit Christus in die Mitte der Göttlichkeit erhoben.
Es gibt jetzt keinen Gegensatz mehr zwischen Mensch und Gott. Nun hat Gott endgültig einen Weg geöffnet für die innige Gemeinschaft mit dem Menschen, nach der er sich schon seit der Schöpfung sehnt. Warum zögern wir noch? Staunen wir über die Wunder, die Gott uns bereitet und treten wir ein in die Gemeinschaft mit ihm!

Christus wurde zum Himmel emporgehoben (Lk 24,51). - Mancher wird vielleicht sagen: Was geht das mich an? Es geht dich an, weil auch du in ähnlicher Weise in die Wolken emporgehoben werden wirst, denn dein Leib ist von derselben Natur wie seiner. Es wird also auch dein Leib so beweglich werden, dass er durch die Lüfte gehen kann; denn wir das Haupt, so auch der Leib. Wie der Anfang, so auch das Ende. Sieh aber, wie sehr du geehrt bist durch diesen Anfang. Der Mensch war das niedrigste der geistigen Geschöpfe. Aber die Füße sind Haupt geworden, sie sind erhoben zu königlichem Sitz in ihrem Haupt. (Johannes Chrysostomus)
Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott. (Lk 24,52b-53)
Plötzlich ist der Schock überwunden. Die Herzen der Jünger sind aufgegangen. Sie haben erfahren, dass das Entschwinden Jesu nicht das Ende war, sondern der Anbruch einer neuen Zeit, in der es gilt, die Freude und das Glück, das sie mit Jesus erfahren haben, als er noch unter ihnen lebte, weiterzugeben, damit alle Welt es hören kann.
Die Jünger haben eine neue Perspektive erfahren. Jesus ist zwar nicht mehr unter ihnen, er ist aber auch nicht in einen fernen Himmel entschwunden. Jesus lebt, er ist mitten unter uns! Von der Liebe gedrängt, wie er in die Welt hinabgestiegen ist, steigt der wunderbar verherrlichte Sohn hinauf zum Vater, gezogen von dessen allmächtiger Liebe.
Das Zeichen der Erlösung, das Kreuz, das der Engel bei der Menschwerdung zu Maria gebracht hat, bringt der Erstgeborene von den Toten heim zum Vater als Zeichen seines Sieges. Das Evangelium, das Jesus in die Welt getragen hat und vor seiner Himmelfahrt den Aposteln übergab, tragen diese nun in ihrem Herzen. Den Jüngern voran vertraut seine Mutter, allen Glaubenden als Mutter hinterlassen, dem Wort Jesu: "Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen" (Joh 12,32). Sie lieben ihn, auch wenn sie ihn nicht mehr sehen, und beten voll Sehnsucht: "Amen. Komm, Herr Jesus!" (Offb 22,20). (Hans Urs von Balthasar)

Jesus Christus kehrt zurück in die Herrlichkeit des Vaters, er kehrt zum Vater zurück und bleibt doch uns Menschen nahe. Er entledigt sich nicht der Menschheit, er streift sie nicht ab, wie ein lästiges Gewand, sondern hebt sie empor zum Vater. So wird die menschliche Natur der göttlichen Herrlichkeit teilhaftig. Hier beginnt, was sich einst am ganzen Kosmos vollenden wird: die Rückführung der von Gott getrennten Schöpfung.
Daher empfinden wir keinen traurigen Abschied vom Herrn, sondern stellen uns vielmehr in freudiger Erwartung auf die verheißene Sendung des Heiligen Geistes ein. Himmelfahrt ist das Vorspiel für Pfingsten. Jesus geht zum Vater, um uns von dort den verheißenen Beistand zu senden.

Herr Jesus, lass auch mich begreifen, dass du lebst. Lass mich ganz von dem Glauben an deine Auferstehung ergriffen sein und lass mich anderen davon voller Freude berichten. Lass mein ganzes Leben ein Zeugnis dafür sein, dass du lebst!