Markus 6,7-13

Aussendung der Zwölf

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Sendung
Und er ruft die Zwölf zu sich und begann, sie auszusenden zwei und zwei. Und er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. (Mk 6,7)

Trotz der Ablehnung in seiner Heimat Nazaret macht Jesus weiter. Nun ist die Zeit gekommen, dass er auch die Zwölf enger in die Verkündigung einbindet. Er sendet sie zu jeweils zweien aus und gibt ihnen Anteil an seiner Vollmacht. Zudem gibt er ihnen einige nützliche "Tipps", wie sie sich unterwegs zu verhalten haben.

Jesus ist es, der seine Jünger ruft und sendet. Be-rufung ist ein persönlicher Vorgang, der sich zwischen Jesus Christus und dem Einzelnen ereignet. Der Ruf Jesu zur Umkehr und zum neuen Leben im Reich Gottes ergeht an alle Menschen. Alle können Mitbürger im Reich Gottes sein, die Aufnahme in den engeren Kreis um Jesus setzt aber eine explizite Berufung voraus.
Bereits im Neuen Testament begegnen wir der Vielschichtigkeit der Bürgerschaft im Reich Gottes. Da sind die Zwölf, die Jesus zu seinen engsten Begleitern beruft. Es gibt da aber auch noch andere, die Jesus nachfolgen auf seinem Weg, es wird einmal von der Sendung der 72 berichtet, auch der geheilte Bartimäus folgt Jesus. Dann gibt es aber auch noch andere, die nicht das Wanderleben Jesu teilen und doch zu seinen Jüngern gehören. Das bekannteste Beispiel dafür sind Maria, Marta und Lazarus, die Jesus mehrmals in ihrem Haus empfangen haben. Sie haben vor Ort ein Leben nach Jesu Wort gelebt und die umherziehenden Jünger aufgenommen. Auch später gab es Wanderapostel, aber auch Jünger Jesu, deren Häuser zum Zentrum der Gemeindebildung wurden.
Bis heute ist es so, dass viele dazu gerufen sind, an ihrem Platz in der Welt ein christliches Leben zu führen, und nur wenige in die radikale Nachfolge Jesu berufen sind, die mit einem radikalen Schnitt im Leben, einem Ausstieg aus der Welt und einer totalen Hingabe an die Vorsehung Gottes verbunden ist. Charles de Foucauld schreibt dazu an seinen Freund Louis Massignon:

Arbeiten sie, beten sie, halten sie die Schwierigkeiten aus, tun sie Menschen Gutes, mit denen sie unmittelbar zu tun haben! Die Liebe Gottes lernt man, indem man die Menschen liebt. Der Weg zur Gottesliebe geht über die konkrete Nächstenliebe.
Ich habe keine Ahnung, wozu sie Gott im Besonderen beruft. Ich weiß aber sehr gut, wozu er alle Christen beruft, Frauen und Männer, Priester und Laien, Ehelose und Verheiratete: Apostel zu sein.
Apostel durch ihr Beispiel, durch Güte, durch wohltuenden Umgang, durch Zuneigung, die wieder Zuneigung weckt und zu Gott führt. Apostel, sei es wie Paulus, sei es wie Priszilla und Aquila. - Allen alles werden.

Jesus sendet die Jünger zu zweit aus. Verkündigung geschieht in Gemeinschaft. Einer allein kann oft nur wenig ausrichten. So galt auch im Judentum erst das Zeugnis von zwei Menschen als wahr. Sie bekräftigen so die Wahrheit der Botschaft Jesu. Wenn man zu zweit ist, kann man einander helfen, wenn einer in Gefahr gerät. Auch das war bei einem ungesicherten Wanderleben, bei dem man nicht damit rechnen konnte, stets auf freundlich gesinnte Menschen zu treffen, notwendig.
Doch auch für das geistliche Leben ist ein Begleiter wichtig. Unverzichtbar sind das gemeinsame Gebet, der Austausch über die Erfahrungen und der Beistand des anderen, wenn einer Zweifeln oder Anfechtungen ausgesetzt ist. Jesus sagt auch: "Was zwei von euch gemeinsam erbitten, werden sie erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." So wird deutlich, dass die Jünger nicht in ihrem eigenen Namen kommen, sondern dass Jesus bei ihnen ist und durch sie wirkt.

Es ist Jesus, der heilt, nicht ich; es ist Jesus, der Worte der Wahrheit spricht, nicht ich; es ist Jesus, der Herr ist, nicht ich. Das kommt sehr klar und sichtbar zum Ausdruck, wenn wir die erlösende Macht Gottes gemeinsam verkünden. Ja, sooft wir gemeinsam Dienst an den Menschen tun, können sie leichter erkennen, dass wir nicht in unserem eigenen Namen kommen, sondern im Namen Jesu des Herrn, der uns gesandt hat.
(Henri Nouwen)
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Sendung
Und er trug ihnen auf, dass sie nichts mitnehmen auf den Weg,
nur einen Stock, aber kein Brot, keine Vorratstasche,
kein Geld im Gürtel, sondern Sandalen untergebunden, und:
Zieht nicht zwei Untergewänder an. (Mk 6,8-9)

Die Jünger sollen sich ganz auf Gottes Vorsehung verlassen und darauf, dass sie stets Menschen begegnen, die ihnen das Nötige zukommen lassen. "Sorgt euch nicht um morgen!" Dieses Wort Jesu wird hier ebenso lebendig wie die Vater-Unser-Bitte um das tägliche Brot. Zugleich sehen wir uns an die Wüstenwanderung des Volkes Israel erinnert. Damals sollten die Menschen nur für einen Tag das Manna sammeln und stets darauf vertrauen, dass Gott es ihnen am nächsten Morgen wieder von neuem schenken wird.

Das leichte Gepäck der Nachfolger Jesu soll auf das Neue verweisen, das jetzt in Israel geschieht. Überall in den Städten und Dörfern finden die Jünger bei ihrer Verkündigung der Gottesherrschaft Anhänger und Sympathisanten Jesu, "Menschen des Friedens" (Lk 10,6), die sie in ihre Häuser aufnehmen und mit allem versorgen.
Die Jünger bleiben also nicht allein. Um sie herum beginnt sich das wahre, endzeitliche Israel zu sammeln. Sie sind zwar mittellos - aber sie haben alles. Sie sind zwar arm - und sind doch reich. Eine Gruppe von Menschen im ganzen Land, die alle vom Reich Gottes ergriffen sind, die einander rückhaltlos vertrauen, die miteinander teilen, die füreinander sorgen: das ist eine unerschöpfliche Reserve.
So geht es in der Ausrüstungsregel der Jünger nicht zuerst um Armut oder Anspruchslosigkeit. Die fehlende Ausrüstung der Jünger ist vielmehr ein hinweisendes Zeichen auf das endzeitlich-solidarische Miteinander im Gottesvolk, das die Jünger Jesu frei und verfügbar macht.
(Gerhard Lohfink)
Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie. (Mk 6,10-11)

Die Jünger sollen an einem Ort nicht das Haus wechseln, denn das könnte schnell zu Eifersüchteleien führen. Die Bewohner eines Ortes könnten in einen Wettstreit treten und versuchen, einander in ihrer Gastfreundschaft zu überbieten und dann ginge es nicht mehr um das Reich Gottes, sondern darum, den Jüngern eine immer anspruchsvollere Unterkunft anzubieten.
Es kann aber auch das Gegenteil eintreten, dass sich an einem Ort kein Mensch findet, der die Jünger aufnehmen will. Auch das ist Realität. Verkündigung des Evangeliums ist auch mit Rückschlägen verbunden. Doch das soll die Jünger nicht mutlos machen. Sie sollen nicht an sich zweifeln, sondern vielmehr denen, die sie nicht aufnehmen wollen zeigen, welche Chance sie damit verpasst haben. Sie haben ein einmaliges Angebot ausgeschlagen.

Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. (Mk 6,12-13)

"Vagabunden des Evangeliums" könnte man die Jünger nennen, wenn man sie so umherziehen sieht. Vagabunden aber haben aber in der Regel keinen guten Ruf bei den Menschen. Doch Jesus schickt seine Jünger wie Bettler aus, ohne Geld, ohne Vorräte, ohne Kleidung zum wechseln. Sie sollen ganz von der Fürsorge anderer Menschen leben. Und doch unterscheiden sich die Apostel, die Jesus zu zweien ausschickt, grundlegend von Landstreichern. Sie haben eine Vollmacht. Sie haben die Vollmacht Jesu, der sie sendet, zu heilen und unreine Geister auszutreiben.
Vagabunden sind vor allem deswegen oft wenig geachtet, weil wir in ihnen gescheiterte Existenzen sehen. Die Apostel aber sind quasi "gute" Vagabunden. Sie sind nicht bestimmt von den Mächten, die Menschen ins Elend und in die Sucht treiben, sondern können diese Mächte besiegen. Zwar sind sie materiell von der Sorge anderer abhängig, doch können sie den Menschen etwas geben, das den Wert der materiellen Hilfe bei weitem übersteigt. Sie können die Menschen heilen an Leib und Seele und es ihnen so ermöglichen, ein besseres Leben zu führen.
Es ist die erste selbständige Mission der Apostel. Markus schildert uns ihr Wirken nur ganz kurz, aber vielleicht können wir uns vorstellen, was das für eine Begeisterung gewesen sein muss, als die Apostel gemerkt haben, dass auch sie wie Jesus Wunder wirken, Dämonen austreiben und Kranke heilen können.
Wo spüren die Menschen heute, dass die Boten Jesu Vollmacht haben? Können Arbeitskreise und pastorale Konzepte den Ruf zur Umkehr ersetzen?