Offenbarung 5,1-7,17

Entsiegelte Geschichte

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Allerheiligen
Und ich sah auf der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, eine Buchrolle; sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt. Und ich sah: Ein gewaltiger Engel rief mit lauter Stimme: Wer ist würdig, die Buchrolle zu öffnen und ihre Siegel zu lösen? Aber niemand im Himmel, auf der Erde und unter der Erde konnte das Buch öffnen und es lesen. Da weinte ich sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und es zu lesen. Da sagte einer von den Ältesten zu mir: Weine nicht! Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids; er kann das Buch und seine sieben Siegel öffnen.
Und ich sah: Zwischen dem Thron und den vier Lebewesen und mitten unter den Ältesten stand ein Lamm; es sah aus wie geschlachtet und hatte sieben Hörner und sieben Augen; die Augen sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde ausgesandt sind. Das Lamm trat heran und empfing das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.
Als es das Buch empfangen hatte, fielen die vier Lebewesen und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nieder; alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen. Und sie sangen ein neues Lied: Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du wurdest geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern und du hast sie für unsern Gott zu Königen und Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.
Ich sah und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend. Sie riefen mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob.
Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. Und die vier Lebewesen sprachen: Amen. Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an. (Offb 5,1-14)

In Gottes Hand befindet sich eine Buchrolle. Sie ist mit sieben Siegeln versehen und niemand vermag es, diese Siegel zu öffnen, bist Christus auftritt. Er erscheint als Lamm, wie geschlachtet und doch lebendig. Er ist es, der allein die sieben Siegel lösen kann, mit denen das Buch dieser Welt versiegelt ist. Alles, was sich nun in den folgenden Kapiteln bis zur Schau der Neuen Welt Gottes im 21. Kapitel abspielt, zeigt diese Entsiegelung der Geschichte in immer neuen Bildern, die auseinander hervor und ineinander übergehen.
Die Öffnung der ersten vier Siegel macht die Übel der Welt offenbar. Es erscheint ein Reiter, der auszieht, um zu siegen, doch sein Sieg ist nicht von Dauer, ein zweiter Reiter macht ihm den Sieg streitig und Krieg kommt über die ganze Erde und bringt in Gestalt zweier weiterer Reiter die Übel von Hungersnot und Tod mit sich. Das fünfte Sigel offenbart die Leidenden, die sehnsüchtig auf Erlösung hoffen, und die Öffnung des sechsten Siegels lässt die Ordnung der Welt zusammen brechen.
Hans Urs von Balthasar fasst dies mit folgender Deutung zusammen:

Wenn das Lamm die Siegel zu öffnen beginnt, dann enthüllt sich zuerst die Schöpfung, nicht wie sie in der Idee Gottes, sondern wie sie in sich selbst ist, mit ihrem ganzen, auch von der Freiheit des Menschen mitbestimmten Realismus. Auf eine einzige Formel ist dieser nicht zu bringen, daher erscheint er auch vierfach anvisiert in den vier nacheinander auftauchenden Reitern. Jeder für sich verkörpert einen Aspekt der Welt. ...
Um die Vierzahl zur Siebenzahl zu ergänzen, bedarf es noch der Öffnung der letzten drei Siegel. Diese betreffen nicht mehr die Welt, sondern die konkrete Geschichte der Menschheit. Und diese Geschichte wird selber konkret erst durch die Konfrontation der Gewalttätigkeit und des Unrechts in ihr mit dem letzten Prinzip der Geschichte, dem Lamm, das seinem Wesen nach keinen Pakt und Vergleich mit Gewalt und Unrecht eingehen kann.

Bevor das Lamm das siebte Siegel öffnet, erfolgt die Kennzeichnung derer, die gerettet werden sollen:

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Allerheiligen
Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum. Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.
Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen: Aus dem Stamm Juda trugen zwölftausend das Siegel, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, / aus dem Stamm Gad zwölftausend, aus dem Stamm Ascher zwölftausend, aus dem Stamm Naftali zwölftausend, aus dem Stamm Manasse zwölftausend, aus dem Stamm Simeon zwölftausend, aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend, aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, aus dem Stamm Josef zwölftausend, aus dem Stamm Benjamin trugen zwölftausend das Siegel.
Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. (Offb 7,1-10)

Die Offenbarung des Johannes beschreibt wie kein anderes Buch der Heiligen Schrift das Leben der Heiligen in dieser Welt. Es schildert nicht nur eine ferne Endzeit, ein kommendes jüngstes Gericht, sondern das Buch macht deutlich, was jetzt und hier geschieht.
Eine der beeindruckendsten Erkenntnisse, die wir aus der Betrachtung der Offenbarung des Johannes gewinnen können, ist die enge Verbindung zwischen Himmel und Erde, die Durchlässigkeit, die zwischen Diesseits und Jenseits besteht. Vielleicht ist keiner Epoche diese Durchlässigkeit so fremd geworden wie der unseren, in der selbst in der Kirche nur wenige von diesem Geheimnis reden, stattdessen aber viele diese Verbindung mit dem Jenseits im esoterischen Bereich zu erfassen suchen.
Der Mensch ist geprägt von der Sehnsucht nach einer jenseitigen Welt, deren Unendlichkeit die Enge des irdischen Daseins überwindet und deren Allmacht der menschlichen Schwachheit beisteht. Dass diese jenseitige Welt keine Fiktion des Menschen ist, wie uns die Vertreter eines Materialismus und Atheismus glauben machen wollen, zeigt uns die Offenbarung des Johannes, die uns einen Blick in diese jenseitige Welt werfen lässt.
Der Blick in die jenseitige Welt wird bezeichnenderweise mit einer Unzahl von Bildern vermittelt, deren Deutung die Menschen bis heute beschäftigt. So wird deutlich, dass jene andere Wirklichkeit zwar real existiert, aber nicht mit den Methoden unserer irdischen Welt wahrgenommen werden kann. Wenn wir auch ihr Wirken in dieser Welt erfahren können, so bleibt uns doch die Gestalt der jenseitigen Welt verborgen. Wir können sie nur mit Bildern der uns vertrauten Welt schildern. Dabei müssen wir uns stets bewusst sein, dass dies eben Bilder sind, die wir nicht als konkrete Aussagen ansehen dürfen.
Die jenseitige Welt ist in unserem Diesseits bereits verborgen gegenwärtig. Vielleicht wird dies nirgendwo sonst so deutlich, wie in einem orthodoxen Gottesdienst. Der prachtvoll bemalte Kirchenraum lässt uns einen Blick in den Himmel werfen (sicher mehr, als es unsere barocken Kirchen mit all den Engelchen vermögen). Durch die Ikonen werden die Szenen des Lebens Jesu gegenwärtig gesetzt und sie machen die reale Präsenz Jesu, Mariens und der Heiligen unter uns deutlich. Die Gesänge sind ein Widerhall des ewigen Lobgesangs an Gottes Thron.
Zeugen der realen Existenz der jenseitigen Welt sind in ganz besonderer Weise die Heiligen, wobei ich hierunter alle Menschen verstehe, die durch ihr Beten einen festen Stand in dieser und in der jenseitigen Welt haben und in ihrer Liebe das Wirken Gottes erfahrbar machen. Durch die Wunder der Heiligen wird deutlich, wie Gott in unserer Welt zu wirken vermag.
Die Erfahrung des Wirkens Gottes in unserer Welt ist etwas grundlegend anderes als eine Projektion von Menschen, die nicht mit ihrem Leben zurechtzukommen scheinen. Es ist die Erfahrung einer Macht in unserem Leben, die uns bis an die Grenzen unserer Kräfte beanspruchen kann. Die Erfahrung der Heiligkeit bedeutet eine Auseinandersetzung mit allem, was dieser Heiligkeit entgegensteht, eine Auseinandersetzung, die zu einem Kampf bis aufs Blut führen kann.

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Jesus
Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.
Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 7,11-17)

Wenn wir die Offenbarung des Johannes lesen, so wird deutlich, dass einerseits der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Heiligkeit und Sünde hier auf Erden in vollem Gang ist, dass er aber im Himmel bereits entschieden ist. Jesus Christus, das Lamm Gottes, hat durch seinen Tod und seine Auferstehung bereits auf ewig den Sieg über den Tod erwirkt. Dieser Sieg ist ein endgültiger und wer sich auf die Seite Jesu stellt, wird mit Gewissheit Anteil an diesem Sieg erhalten. Doch es gibt Kräfte, die uns von der Seite des Siegers wegziehen möchten und die uns auf perfide Weise den Untergang schmackhaft machen wollen, indem sie das Leben in Heiligkeit und die ewigen Freuden karikieren und stattdessen das Vergängliche als Erfüllung propagieren.
Hier gilt es wachsam zu sein und die Geister zu prüfen und sich nicht vom Hass erfüllen zu lassen, sondern sich der Macht der Liebe anzuvertrauen. Es gilt zu erkennen, was vergänglich ist und was uns retten kann in die Ewigkeit. Die Rettung kommt vom Lamm Gottes und durch die Teilhabe an seinem Sieg. Der Weg dahin geschieht durch die Taufe. Nichts anderes meint es, wenn es heißt, dass die Heiligen ihre Gewänder im Blut des Lammes weiß gemacht haben. Das weiße Kleid ist Symbol der Taufe und das Blut des Lammes ist das Zeichen seines Todes am Kreuz. Durch die Taufe gehen wir mit Christus den Weg durch den Tod zum Leben. Die Taufe macht uns zu Kindern des Himmels. Durch die Taufe haben wir jetzt schon Anteil an der himmlischen Herrlichkeit. Im Gottesdienst stimmen wir schon hier auf Erden ein in den ewigen himmlischen Lobgesang.

Man braucht nicht leiblich gestorben zu sein, um in seiner Heimat, im Himmel zu leben, wo wir unser Bürgerrecht haben. (Hans Urs von Balthasar)

Wer um dieses Geheimnis weiß, wird sich mit allen Kräften mühen, wie ein Bürger des Himmels zu leben, so dass all sein Denken und Tun wohlgefällig ist in den Augen Gottes. Nicht aus Furcht vor der Strafe des ewigen Gerichtes, sondern im Wissen um die ewige Herrlichkeit. Die Liebe zu Jesus wird unsere Herzen zu ihm hinlenken. So werden wir zu Zeugen für Gott und seinen Sieg und den Triumph seiner ewigen Herrlichkeit.

Zeuge, martys, ist ein Grundwort der Apokalypse. Gemeint sind damit nicht nur jene, die ihr leibliches Blut für Christus vergossen haben, sondern alle, die ihr ganzes Dasein in blutigem Ernst in den Dienst des Lammes stellen. ... Prophet ist nicht der, welcher Zukünftiges anzusagen versteht, sondern das von Gott geschenkte Wort über Gott zu sagen weiß. (Hans Urs von Balthasar)

Jeder kann sich dafür entscheiden, in jene unzählbare Schar der Heiligen zu treten, die hier auf Erden Zeugnis geben von der Herrlichkeit Gottes und die einstimmen in den ewigen Lobgesang vor seinem Thron. Blicken wir auf die Zeugen, die uns vorangegangen sind und reihen wir uns ein in ihren Triumphzug, jeder mit den Gaben und Fähigkeiten, die Gott ihm geschenkt hat.