Offenbarung 1,2-3,22

Beauftragung, Sendschreib.

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Allerheiligen
2Dieser hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt: alles, was er geschaut hat. 3Selig, wer diese prophetischen Worte vorliest und wer sie hört und wer sich an das hält, was geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

Johannes wird als Zeuge für Jesus Christus und das Wort Gottes ausgewiesen. Er ist zuverlässig und es ist Verlass auf das, was er in diesem Buch niedergeschrieben hat. Die Zeit drängt. Schon im Vorwort wird deutlich, dass es keine Zeit zu verlieren gibt. Jetzt fällt die Entscheidung, wer zu den Auserwählten Gottes gehört und wer nicht.

4Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern vor seinem Thron 5und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde. Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; 6er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen.
7Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben; und alle Völker der Erde werden seinetwegen jammern und klagen. Ja, amen. 8Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.

Die Offenbarung ist in Briefform verfasst und beginnt mit einem Sendschreiben an sieben Gemeinden in Asien. Diese Gemeinden stehen symbolisch für die ganze Kirche, worauf die Siebenzahl hinweist. Gott schenkt Frieden. Er ist es, der war und der ist und der kommen wird. Alle Zeit ist sein. Gottes Ewigkeit umspannt unsere Zeit. Er ist immer gegenwärtig.
Christus wird dargestellt als der Retter, der die Menschen aus Liebe mit seinem Blut erlöst hat, er ist das Wort Gottes, der uns Gott wahrhaft verkündet hat, ist der Auferstandene, der zur Rechten des Vaters thront als Herrscher über die ganze Erde. Wir sind berufen, an seinem Amt teilzuhaben als Könige und Priester für Gott. Seine Wiederkunft erwarten wir. Sie wird allen sichtbar sein. Gott selbst spricht. Er ist Alpha und Omega, Anfang und Ende, Herrscher über Zeit und Ewigkeit.

9Ich, Johannes, euer Bruder und Gefährte in der Bedrängnis und in der Herrschaft und im Ausharren in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine laute Stimme wie eine Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die zu mir sprach; und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und inmitten der Leuchter einen gleich einem Menschensohn, bekleidet mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen; 15seine Füße glichen Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme war wie das Tosen von Wassermassen. 16In seiner rechten Hand hielt er sieben Sterne, und aus seinem Mund ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Kraft. 17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen nieder wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.
19Schreib auf, was du gesehen hast: was ist und was danach geschehen wird.
20Der geheimnisvolle Sinn der sieben Sterne, die du auf meiner rechten Hand gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter ist: Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.

Dieser Text schildert die Beauftragungsvision des Johannes, Beauftragung, nicht Berufung, denn Johannes ist ja bereits berufener Verkünder des Wortes Gottes, um dessentwillen er auf der Insel Patmos ist. Der Text zeigt starke Anklänge an das Alte Testament, besonders das Kapitel 10 des Buches Daniel ist eine wichtige Parallele. Bewusst werden hier alttestamentliche Gottesprädikationen auf Christus übertragen. Christus wird somit geschildert als wahrer Gott und Erfüller, Vollender und Überbieter des Alten Bundes.
Am Tag des Herrn, also am Sonntag, hat Johannes zunächst eine Audition. Er hört hinter sich eine laute Stimme, gleich einer Posaune. Es ist damit ein langgezogenes, metallenes Blasinstrument mit Mundstück und Schalltrichter gemeint. Als lautestes aller damaligen Instrumente wird es oft im Zusammenhang von apokalyptischen Schilderungen oder Theophanien, wie beispielsweise am Sinai, erwähnt.
Als er sich umwendet, sieht Johannes sieben Leuchter, Symbol für die sieben Adressatengemeinden der Offenbarung, aber auch für die gesamte Kirche. Die Leuchter sind aus Gold, dem damals reinsten und edelsten aller Metalle, ein Zeichen dafür, wie wertvoll die Gemeinde und jeder einzelne für Gott ist. Christus hat ja selbst gesagt: Ihr seid das Licht der Welt. Und Christus ist in seiner Kirche gegenwärtig. Johannes sieht zwischen den Leuchtern eine Gestalt gleich einem Menschensohn. Dieser Begriff stammt aus dem Buch Daniel und wurde schon früh zur Christusprädikation. Der kundige Leser weiß also sofort, dass es sich dabei um niemand anderen als Christus handeln kann, wenngleich sich Christus erst wenige Verse später selbst unmissverständlich durch sein Wort zu erkennen gibt.
Johannes beschreibt diesen Menschensohnähnlichen. Das lange Gewand und der goldene, durch die Achselhöhlen und über die Brust laufende Gürtel deuten auf eine vornehme Person, einen Herrscher oder Priester hin. Christus wird dargestellt als der wahre und endgültige Hohepriester.
Leuchtendweißes Haupt und Haare weisen hin auf alttestamentliche Gottesbilder und symbolisieren die Reinheit Gottes. Augen wie Feuerflammen durchdringen alles, ihnen bleibt nichts verborgen. Die Füße aus Golderz, einer Legierung, die als noch wertvoller galt als Gold, zeigen das Gewicht und die machtvolle Würde der Person. Der Klang der Stimme ist majestätisch, wie das Tosen von Wassermassen, wie die Stimme Gottes im Alten Testament.
Christus hält in seiner rechten Hand, der Herrscherhand, sieben Sterne, Symbol für die Engel der sieben Gemeinden, aber auch wieder für die gesamte Kirche. Die Gerechten sind in Gottes Hand und niemand kann sie seiner Macht entreißen, wie es im Alten Testament heißt. Christus nimmt die Gläubigen unter seinen Schutz, er ist mächtiger als alle anderen Mächte. Jedoch können die Gläubigen aus diesem Schutz herausfallen, wenn sie nicht mehr nach Gottes Willen leben und sein Wort missachten. In dieser Gefahr stehen die sieben Gemeinden. Christus ist zugleich auch Richter. Dies zeigt das Schwert aus seinem Mund, Christus richtet durch sein Wort.
Noch einmal kommt das leuchtende Antlitz Christi in den Blick. Es ist der Glanz der Gottheit, vor dem Mose schon sein Gesicht verbergen musste und den der Mensch nicht ertragen kann, ohne zu sterben. So sinkt auch Johannes nieder, wie tot. Doch die rechte Herrscherhand Christi ist zugleich auch seine Segenshand. Er richtet seinen Diener auf. Fürchte dich nicht. Nun gibt sich Christus durch sein Wort zu erkennen. Er ist der Erste und der Letzte und der Lebendige, alles alttestamentliche Gottesprädikationen, die bewusst auf Christus angewandt werden, um ihn als wahren Gott zu zeigen. Er ist der Auferstandene. Er hat durch seinen Tod und seine Auferstehung das dämonische Paar, Tod und Hades, besiegt und ihnen den Schlüssel zur Unterwelt entrissen. Nun herrscht Gott auch über den Ort, zu dem er nach alttestamentlichen Vorstellungen keinen Zutritt hatte.

Auf die Schilderung der Beauftragung des Propheten folgen die Sendschreiben an die sieben Gemeinden. Die kleinasiatischen Städte Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea stehen stellvertretend für die Kirche auf der ganzen Erde. Gott kennt die Nöte der Gläubigen, aber er weiß auch, was jeder tun könnte und wo er hinter dem zurück bleibt, was möglich wäre. Lauheit ist abscheulich. Entweder heiß oder kalt. Jeder muss sich entscheiden und wie es so oft in der Offenbarung deutlich wird, die Entscheidung drängt. Wer umkehrt, erlangt Verzeihung, wer sich aber selbst etwas vormacht und sich für perfekt hält, obwohl er es nicht ist, dem droht das Gericht. Gott kann man nichts vormachen.
Hans Urs von Balthasar bezeichnet die Sendschreiben als Beichte der Gemeinden:

Die sieben Schreiben an die Gemeinden bilden zusammen eine Beichte der Kirche, die der Herr der Kirche an ihr vornimmt und die wie jede christliche Beichte zugleich etwas unerbittlich Richtendes und etwas unendlich gnadenhaft Aufrichtendes hat. So ist auch diese vom Himmel her ergehende Bloßlegung des ganzen Zustandes der Kirche keine pauschale, sondern eine - wie es sich in der Beichte gehört - minutiös differenzierte, alle verborgenen Winkel auslotende Schau.