Matthäus 5,17-32

Wahre Gerechtigkeit (1)

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Bergpredigt
Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. (Mt 5,17-19)

Jesus lehrt nicht ein neues Gesetz. Er steht fest in den Geboten, die sein Vater dem Volk Israel gegeben hat. Aber wie Israel das Gesetz lebt, ist Gott zu wenig. Aus dem lebendigen Gebot Gottes hat Israel starre Vorschriften gemacht. Das ganze Leben war durch Gebote geregelt, aber es gab auch Ausnahmen, die dem eigentlichen Sinn des Gesetzes widersprachen. So wurde aus Gottes Gebot Menschengesetz. Jesus will diese starren Mauern des Gesetzes durchbrechen, nicht indem er Gottes Gesetz aufhebt, sondern indem er ihm seine ursprüngliche Lebendigkeit und Dynamik zurückgibt.

Dekalog und Bergpredigt sind nicht zwei verschiedene ethische Ideale, sondern der eine Ruf zum konkreten Gehorsam gegen den Gott und Vater Jesu Christi. (Dietrich Bonhoeffer)

Als Christen sind wir dazu aufgerufen, nie wieder die Menschen in die engen Mauern von Geboten zu sperren. Aber auch ein freizügiges "alles ist erlaubt" wäre die falsche Alternative. Immer neu nach Gottes Gebot fragen und in jedem Augenblick versuchen das zu tun, was Gott will, ist eine größere Herausforderung als einfältiger Legalismus. Sie bringt Spannung ins Leben und letztlich die Freude darüber, zu sehen, wie sich die Welt verändert und Gottes Licht in ihr erstrahlt.

Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,20)

Recht kann man bezeichnen als ein Gefüge festgesetzter Verhaltensnormen, die als Gesetze schriftlich festgehalten sind. Gerechtigkeit aber ist mehr als die Summe dieser Gesetze. Das Recht soll sich an der Gerechtigkeit orientieren, aber trotzdem macht die genaue Befolgung der Gesetze allein einen Menschen nicht ohne weiteres schon gerecht.
Eine solche Auffassung aber hatten die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu. Wenn ein Mensch die Zehn Gebote, das Gesetz des Mose und alle weiteren Gesetze, die fast jedes Detail des Alltags regeln sollten, genau befolgt, so galt er in ihren Augen als gerecht.
Jesus aber macht deutlich, dass Gerechtigkeit mehr ist. Sie fängt im Herzen an. Nicht erst die offensichtliche Übertretung eines Gesetzes ist Unrecht, sondern schon eine negative Haltung dem anderen Menschen gegenüber, so beispielsweise unversöhnlicher Zorn oder die Geringschätzung der eigenen Frau.
Wenn es zum Äußersten kommt, zu Mord, Ehescheidung oder Meineid, dann ist es meist zu spät für ein Zurück, für eine Versöhnung. Wir sollen bereits dann, wenn wir merken, dass etwas in der Beziehung nicht stimmt oder wir mit einem Menschen plötzlich in Streit geraten, prüfen woran es liegt, und unser Möglichstes tun, den Frieden wieder herzustellen.

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du gottloser Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. (Mt 5,21-22)

Wenn man erst anfängt, einer Sache nachzugehen, wenn ein Mensch zu Tode gekommen ist, dann ist es eigentlich zu spät. Der Hass, der sich letztlich im Akt des Tötens entlädt beginnt schon früher. Schon wenn es zu Zorn, Streit oder gar Beschimpfungen kommt, gilt es einzuschreiten. Hier kann noch Versöhnung gestiftet werden. Bereits beim ersten Tropfen Gift, der in einen Körper tritt, muss mit der Heilung begonnen werden, nicht erst, wenn der ganze Körper vergiftet ist.

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gebe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. (Mt 5,23-24)

Unser Streit mit anderen Menschen hat auch eine direkte Auswirkung auf unsere Beziehung zu Gott. Ich kann nicht mit einem anderen im Streit sein und vor Gott so tun, als sei nichts gewesen. Das Entscheidende dabei ist nicht, dass ich etwas gegen einen anderen habe, viel wichtiger ist, dass ein anderer nichts gegen mich hat. Ein Streit ist erst gelöst, wenn in den Herzen beider Gegner Frieden eingetreten ist.
Wenn Jesus hier vom Opfer redet, dann denkt er an das Opfer im Tempel in Jerusalem. Pilger sind oft Tage und Wochen dorthin unterwegs. Wenn mir auf dem Weg dorthin oder gar erst in Jerusalem einfällt, dass zuhause ein Mensch im Streit mit mir liegt, dann war die ganze Mühe des Weges umsonst. Besser wäre es, umzukehren und Frieden zu schließen. Das ist ein Opfer, das Gott gefällt.

Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, so lange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen. Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. (Mt 5,25-26)

Letztlich muss jeder für das bezahlen, was er angerichtet hat. Vergebung aber triumphiert über das Gericht und so kommt meine Bereitschaft zur Versöhnung letztlich auch mir zugute. Wer verzeihen kann lebt glücklicher.

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. (Mt 5,27-30)

Ehebruch beginnt nicht erst, wenn er vollzogen wird. Bereits dann, wenn ich in der Treue zu meinem Partner schwach werde, öffnet sich ein Tor, durch das sich eine unrechtmäßige Beziehung anbahnen kann. Auch hier gilt es, den Anfängen zu wehren. Jesus wird hier sehr radikal. Wenn ich meine Blicke nicht zügeln kann, dann wäre es sogar besser, das Auge auszureißen, als dem verführerischen Blick nachzugeben.
In orientalischen Gesetzbüchern bis zur islamischen Scharia heute ist es üblich, einem Menschen für ein Verbrechen durch den Verlust des Gliedes zu bestrafen, durch welches das Verbrechen verübt wurde. Wer Diebstahl begangen hat, dem soll die Hand abgehauen werden. Jesus ist hier noch radikaler. Nicht erst, wenn das Verbrechen geschehen ist, soll der Mensch bestraft werden, sondern es wäre besser für einen, der sich nicht selbst im Griff hat, bevor er ein Verbrechen begeht, sich selbst die Hand abzuhauen, damit er nicht schuldig wird.
Diese Forderungen dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Aber dennoch soll ihre Radikalität uns aufrütteln, damit wir uns bewusst sind, wie sehr bereits Kleinigkeiten das Miteinander der Menschen und die Beziehung zu Gott stören können.

Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. (Mt 5,31-32)

Die Frage der Ehescheidung ist bis heute ein schwieriges Thema. Damals konnte ein Mann die Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen. Eine solche verstoßene Frau hatte es schwer, im Leben wieder Fuß zu fassen, da Frauen damals materiell weitgehend von ihrem Mann abhängig waren. Hier sagt Jesus deutlich, dass ein Mann nur dann, wenn wirklich eine schlimme Verfehlung der Frau vorliegt, sie aus der Ehe entlassen darf.
Wir erleben heute, dass eine sehr hohe Zahl von Ehen wieder geschieden wird. Die Kirche aber hält an der Unauflöslichkeit der Ehe fest und bekommt dafür von allen Seiten Kritik. Was würde Jesus uns heute sagen?

Ihr habt gehört. dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, den er ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt 5,17-37)
Was ist der Eid? Er ist die öffentliche Anrufung Gottes als Zeugen für eine Aussage, die ich über etwas Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges mache. ... Der Eid ist der Beweis für die Lüge in der Welt. Könnte der Mensch nicht lügen, so wäre kein Eid notwendig. So ist der Eid zwar ein Damm gegen die Lüge, aber eben darum fördert er sie auch; denn dort, wo allein der Eid letzte Wahrhaftigkeit beansprucht, ist zugleich der Lüge im Leben Raum gegeben, ist ihr ein gewisses Lebensrecht zugestanden. Das alttestamentliche Gesetz verwirft die Lüge durch den Eid. Jesus aber verwirft die Lüge durch das Verbot des Eides. ... Eure Rede sei Ja, ja und Nein, nein. Hierdurch wird das Wort des Jüngers nicht etwa der Verantwortlichkeit vor dem allwissenden Gott entzogen. Vielmehr ist gerade dadurch, dass der Name Gottes nicht ausdrücklich angerufen wird, schlechthin jedes Wort des Jüngers unter die selbstverständliche Gegenwart des allwissenden Gottes gestellt. Weil es überhaupt kein Wort gibt, das nicht vor Gott gesprochen wäre, darum soll der Jünger Jesu nicht schwören. Jedes seiner Worte soll nicht als Wahrheit sein, so dass keines der Bestätigung durch den Schwur bedürfe. Der Schwur stellt ja alle seine anderen Worte ins Dunkel des Zweifelhaften. (Dietrich Bonhoeffer)