Matthäus 5,8-12

Die Seligpreisungen (2)

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Bergpredigt
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. (Mt 5,8)

Die sechste Seligpreisung beinhaltet die größte aller Verheißungen, Gott zu schauen. Kein Mensch kann Gott anschauen, so war die Überzeugung der Menschen des Alten Testaments. Selbst ein großer Prophet wie Elija verbarg sein Gesicht, als Gott an ihm vorüberzog. Gott zu schauen, das überlebt nur ein Mensch, der keine Sünde hat, und selbst der frömmste weiß, dass er nicht ohne Sünde ist.
Adam und Eva hatten im Paradies vor dem Sündenfall diesen vertrauten Umgang mit Gott. Sie konnten ihn sehen und mit ihm sprechen. Die Sünde hat diesen vertrauten Umgang mit Gott zerstört. Von nun an lebte der Mensch in einer Distanz zu Gott und konnte selbst durch all seine Gerechtigkeit den Graben nicht überbrücken, der zwischen Gott und Mensch entstanden war.
Wenn Jesus denen, die reinen Herzens sind, verheißt, Gott zu schauen, dann bedeutet dies, dass der Graben zwischen Gott und Mensch, den die Sünde des Menschen aufgerissen hat, überbrückt ist. Die Brücke zu Gott sieht Jesus aber nicht in asketischen Höchstleistungen und akribischer Erfüllung religiöser Vorschriften, sondern allein darin, dass jemand ein reines Herz hat. An anderer Stelle wird Jesus sagen, dass nicht das den Menschen verunreinigt, was in ihn hineingeht (also aus Sicht der Juden unreine Speisen oder Berührungen), sondern was aus dem Menschen herauskommt.
Das Herz ist Sitz der Seele des Menschen. Aus einem verdorbenen Herzen kommen Schlechtigkeit und Bosheit, Neid und alle anderen Übel, die Menschen einander antun. Wenn das Herz aber rein ist, dann entströmt ihm Liebe und nichts als Liebe. Wir wissen, wie schwer das ist. Wie leicht lassen wir uns dazu hinreißen, über andere schlecht zu denken, ein böser Blick, ein unfreundliches Wort, all das kommt so leicht aus uns hervor.
Somit ist die Erlangung der höchsten Verheißung auch mit der höchsten Anstrengung verbunden. Es bedarf ständiger Wachsamkeit und lebenslanger Übung, das Herz rein zu halten. Für die Wüstenväter, die in Einsamkeit und Schweigen wohnten, war es die größte Herausforderung. Antonius der Große sagt:

Wer in der Wüste sitzt und die Herzensruhe pflegt, wird drei Kämpfen entrissen: dem Hören, dem Reden, dem Sehen. Er hat nur noch einen Kampf zu führen: den mit dem Herzen. (Apophthegmata Patrum)

Der Mensch muss erst einmal lernen, es mit sich selber auszuhalten. Wir entdecken unser Herz, wenn wir einmal alle Zerstreuungen und jedes Unterhaltungsprogramm abschalten. Wir müssen aber auch dazu bereit sein, das anzuschauen, was wir verdrängt haben. Ehrlich zu mir selbst sein, das ist der erste Schritt zu einem reinen Herzen. Es werden viele Wunden und Verletzungen zum Vorschein kommen. Diese können wir in das Licht der göttlichen Gnade halten und um Heilung bitten. Manchmal bedarf es dazu auch der professionellen Hilfe dazu befähigter Menschen.
Wenn wir so den Blick auf uns selbst gewagt haben, müssen wir ehrlich darauf schauen, wie wir anderen begegnen. Wo hege ich Zorn und Groll gegen andere, wo kann ich nicht verzeihen? Wo habe ich anderen wehgetan und muss selbst um Verzeihung bitten? Wenn wir achtsam sind, werden wir entdecken, wie weit wir noch von einem reinen Herzen entfernt sind. Aber das soll uns nicht entmutigen. Wir können jeden Augenblick neu anfangen. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen gibt uns die neue Chance, unser Herz zu üben.
Ein reines Herz haben, das bedeutet, nicht auf Äußerlichkeiten zu achten und nur nach außen hin gut scheinen zu wollen. Das wäre Heuchelei, die Jesus scharf kritisiert. Ein reines Herz haben, das bedeutet, wirklich aus ganzem Herzen gut sein. Gott allein sieht das Herz. Menschen können wir täuschen, Gott nicht. Darum ist nicht jeder, der vor den Menschen groß erscheint, auch vor Gott groß. Gott allein aber ist der Maßstab dafür, ob unser Herz rein ist, und würdig ihn zu schauen.

Der Mensch ist das, was er vor Gott ist, das und nicht mehr. (Franz von Assisi)
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. (Mt 5,9)

Friede ist die kostbarste Gabe Gottes. In der Heiligen Schrift wird Gott ein "Gott des Friedens" genannt und Jesaja verheißt als rettende Gestalt den "Friedensfürst". Was Friede für Israel bedeutet, zeigt sich darin, dass "shalom" der tägliche Gruß ist. "Shalom" bedeutet mehr als das Schweigen der Waffen. "Shalom" ist die Atmosphäre, in der die Menschen frei leben und sich entfalten können.
So sind auch Friedensstifter nicht einfach jene, die durch Nachgeben Streit vermeiden. Es geht wohl zuerst um Menschen, die Gegensätze überbrücken und Frieden "schaffen". Das braucht einen klaren Blick für die Anliegen aller Seiten, die miteinander im Streit liegen, nicht nur die Verurteilung eines Gegners. Friede kann nicht dadurch entstehen, dass Unrecht zugedeckt wird; zum Friedenstiften gehört vielmehr, Unrecht aufzudecken und beim Namen zu nennen.
Wer nach Gottes Willen lebt, versucht seine Pläne nicht mit Gewalt durchzusetzen. Er wird anderen Menschen mit dem nötigen Respekt begegnen, auch wenn sie anderer Ansicht sind als er selbst. Auch Menschen unterschiedlichen Glaubens können in Frieden miteinander leben, wenn Menschen die nötige Achtung vor den Überzeugungen des Anderen haben.
Papst Johannes Paul II. hat einmal gesagt:

Gewalt ist eine Lüge, denn sie richtet sich gegen die Wahrheit unseres Glaubens, die Wahrheit unseres Menschseins. Gewalt zerstört, was sie vorgibt zu verteidigen: die Würde, das Leben, die Freiheit der Menschen. Gewalt ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, denn sie zerstört den Kern der Gesellschaft.
Euch allen, die es hören, sage ich: Glaubt nicht an die Gewalt; unterstützt keine Gewalt. Der Weg der Gewalt ist nicht der christliche Weg; er ist nicht der Weg der katholischen Kirche. Glaubt an Frieden, Vergebung und Liebe, denn sie gründen in Christus.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich. (Mt 5,10)
Die gläubigsten Menschen, die Christus nachfolgten, waren Friedensstifter. Sie gingen soweit, ihren Feinden zu vergeben und manchmal sogar, ihr Leben für sie zu geben.

Diese Worte von Papst Johannes Paul II. machen deutlich, dass der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit bis an die Substanz gehen kann, einem selbst das Leben kosten kann. Noch drastischer formuliert dies Erzbischof Oscar Romero aus Lateinamerika:

Christus lädt uns ein, Verfolgung nicht zu fürchten. Denn, glaubt mir, Brüder und Schwestern, wer sich auf die Seite der Armen begibt, muss das gleiche Schicksal ertragen wie die Armen, und wir in El Salvador wissen, was das Schicksal der Armen wirklich bedeutet: zu verschwinden, gefoltert zu werden, inhaftiert zu werden und tot aufgefunden zu werden.
Nicht von der Gerechtigkeit Gottes, also nicht von der Verfolgung um Jesu Christi willen ist hier die Rede, sondern seliggepriesen werden die um einer gerechten - einer wahren, guten, menschlichen - Sache willen Verfolgten. Die falsche Ängstlichkeit jener Christen, die jedem Leiden um einer gerechten, guten, wahren Sache willen ausweichen, weil sie angeblich nur bei einem Leiden um des ausdrücklichen Christusbekenntnisses willen ein gutes Gewissen haben könnten, jene Engherzigkeit also, die jedes Leiden um einer gerechten Sache willen verdächtigt und von ihm abrückt, wird durch diese Seligpreisung Jesu kräftig ins Unrecht gesetzt. Jesus nimmt sich derer an, die um einer gerechten Sache willen leiden, auch wenn es nicht gerade das Bekenntnis seines Namens ist. Er nimmt sie in seinen Schutz, in seine Verantwortung, in seinen Anspruch hinein. So wird der um einer gerechten Sache willen Verfolgte zu Christus geführt, so geschieht es, dass sich ein solcher in der Stunde des Leidens und der Verantwortung auf Christus beruft und sich als Christ bekennt, weil ihm seine Zugehörigkeit zu Christus erst in diesem Augenblick aufgeht. (Dietrich Bonhoeffer)

Die achte Seligpreisung schließt mit derselben Verheißung wie die erste, in der die Armen, die Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden müssen, seliggepriesen werden. Wer sich wirklich um Gerechtigkeit bemüht, der steht ganz auf der Seite der Menschen, denen keine Gerechtigkeit zuteilwird. Er ist bereit, für seinen Einsatz dasselbe Schicksal zu erleiden wir sie. Dafür wird ihm auch derselbe Lohn zuteil, den Jesus den Armen und Entrechteten verheißt, schon hier auf Erden teilzuhaben am Reich Gottes, das verborgen gegenwärtig ist.
Als Matthäus sein Evangelium schreibt, sind bereits die ersten Verfolgungen über die Christen hereingebrochen. Die Verfolgten sollen wissen, dass dies kein Zeichen dafür ist, dass der Glaube machtlos wäre. Sie sollen vielmehr froh und zuversichtlich sein und darum wissen, dass sie reicher Lohn erwartet.
Die achte Seligpreisung wird durch zwei Sätze präzisiert, die den Worten Jesu eine besondere Bedeutung verleihen und den Menschen Mut machen sollen, die Verfolgungen zu bestehen und nicht schwach zu werden.

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt. (Mt 5,11-12)