Matthäus 5,1-2

Bergpredigt, Einführung

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Bergpredigt
Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. (Mt 5,1)

Im vorangegangenen Kapitel hat Matthäus uns knapp vom ersten Auftreten Jesu berichtet, von seinem Ruf zur Umkehr, ersten Heilungen und der Berufung der ersten Jünger. Jesu Auftreten ist nicht ohne Wirkung geblieben. Viele Menschen waren spontan von ihm fasziniert und wollten mehr von ihm erfahren. Jesus sieht die Volksscharen, die ihm folgen, und steigt auf einen Berg, um zu ihnen zu sprechen.
Das Hinaufsteigen auf den Berg erinnert an Mose, der auf den Berg Sinai stieg, um mit Gott zu reden. Von dort brachte er die Tafeln mit den Zehn Geboten, die er den Israeliten Übermittelt hat. Jesus zeigt sich als der neue Mose, der seinem Volk die Weisung Gottes lehrt. Diese Lehre widerspricht nicht der Weisung Gottes, die Mose damals dem Volk gebracht hat. Vielmehr legt Jesus neu deren wahre Bedeutung aus. Über dieses Lehren Jesu sagt Hilarius von Poitiers:

Nachdem sich nun mehrere Scharen versammelt hatten, bestieg er einen Berg und lehrte, das heißt, er stellte, auf der Höhe der väterlichen Herrlichkeit stehend, die Vorschriften des himmlischen Lebens auf. Denn er würde nicht ewige Vorschriften gegeben haben, wäre er nicht in der Ewigkeit gestanden. Endlich steht dieses geschrieben: "Er öffnete seinen Mund, und lehrte sie." Näher lag es, zu sagen, er habe geredet. Aber weil er in der Herrlichkeit der väterlichen Majestät dastand, und das ewige Leben lehrte, darum wird angegeben, dass auf Anregung des sprechenden Geistes der menschliche Mund in seinem Dienste gehorcht habe.

Wie es sich für einen antiken Lehrer geziemt, setzt Jesus sich, während die Zuhörer aus einiger Distanz stehend seinen Worten lauschen. Nur die Jünger bleiben in seiner Nähe. Auch Mose durfte damals nur Aaron mit auf den Berg nehmen, das Volk musste in sicherer Distanz dem Berg fern bleiben. Doch Jesus geht nicht auf den Berg, um allein mit Gott zu sprechen. Durch Jesus spricht vielmehr Gott direkt zu den Menschen und alle können seine Worte hören. Damit wird auch deutlich, dass sich Jesus nicht nur an seine Jünger wendet oder einige Auserwählte. Das, was Jesus sagt, gilt allen Menschen, damals wie heute.
Seit dem 16. Jahrhundert wird die lange Rede Jesu üblicherweise als Bergpredigt bezeichnet. Dieser Begriff kann leicht zu der Vorstellung verleiten, dass die Zuhörer Jesu still und andächtig seinen Worten gelauscht hätten, wie wir das von unseren Gottesdiensten gewohnt sind. Das wäre aber ein für orientalische Menschen eher untypisches Verhalten. Matthäus beendet die Schilderung der Rede Jesu in 7,28 mit dem Hinweis, dass die Zuhörer über die Worte Jesu entsetzt waren. Sicher haben die Worte Jesu schon während des gesamten Verlaufes der Rede Erstaunen und auch Widerspruch hervorgerufen und wir gehen sicher nicht fehl, wenn wir uns vorstellen, dass die Zuhörer dies schon während der Rede zum Ausdruck gebracht und lebhaft miteinander diskutiert haben. Wir sollten uns die Rede Jesu also eher als einen lebendigen Dialog mit seinen Zuhörern vorstellen. Zwischen den einzelnen Abschnitten gab es sicher immer wieder Einwände und Zurufe der Menschen um Jesus herum.
Wir dürfen aber auch selbst unser Entsetzen und unseren Widerspruch gegen die Worte Jesu vorbringen. Wer die Bergpredigt nur mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis nimmt, hat wohl keines der Worte Jesu verstanden. Es sind Worte, an denen wir uns unser ganzes Leben lang reiben und immer wieder neu orientieren müssen, die immer wieder eine Anfrage an unser Leben stellen und uns immer neu zu einer Kurskorrektur aufrufen. Nur in der lebendigen Auseinandersetzung mit den Worten Jesu werden wir dem Ziel näher kommen, so zu leben, wie Jesus es von uns erwartet. Raniero Cantalamessa sagt in seinem Kommentar zu den Seligpreisungen:

Die Seligpreisungen sind kein toter Kodex, den die Kirche so getreulich wie nur möglich empfangen und weitergeben muss; sie sind eine beständige Quelle der Inspiration, denn der, der sie uns verkündet hat, ist auferstanden und lebt.

Aber hat Jesus seine Rede wirklich so gehalten, wie sie uns Matthäus überliefert hat? Wir können mit Sicherheit sagen, dass Jesus während seines öffentlichen Wirkens mehrere Reden gehalten hat, das überliefern uns alle Evangelisten. Aber jeder von ihnen tut das auf seine besondere Weise. Bei Johannes unterscheidet sich der Redestil Jesu sehr stark von dem der Synoptiker. Die Synoptiker sind sich sehr ähnlich in der Ausdrucksweise Jesu, variieren aber in der Anordnung der einzelnen Texte. So überliefert uns Lukas in der Feldrede eine der Bergpredigt ähnliche Rede Jesu, die aber weit kürzer ist als die Bergpredigt. Andere Worte der Bergpredigt überliefert Lukas in anderen Zusammenhängen.
Wir können also davon ausgehen, dass die Bergpredigt aus ursprünglichen Jesusworten besteht, die Matthäus aber zu einer stilvoll aufgebauten Rede kombiniert hat. In seinem Evangelium finden wir fünf Reden Jesu, womit der Evangelist wohl eine Parallele zu den fünf Büchern Mose schaffen wollte. Der Bergpredigt gibt er eine klare Gliederung. Dabei stellen die Seligpreisungen zu Beginn der Rede, in ihrer wahrscheinlich auch auf Matthäus zurückgehenden Erweiterung von ursprünglich acht auf zehn Preisungen, eine Parallele zu den Zehn Geboten dar. Am Ende der Bergpredigt steht der deutliche Aufruf zur Entscheidung für oder gegen den Weg Jesu. Das Zentrum der Rede bildet das Vater Unser.

Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig sind ... (Mt 5,2)

"Selig sind ..." Neun Mal gebraucht Jesus diese Formulierung. Wenn wir genau hinsehen, fällt uns auf, dass die erste und die achte Seligpreisung mit der Verheißung enden: denn ihnen gehört das Himmelreich. Die neunte unterscheidet sich stilistisch von den übrigen, hier heißt es nicht "Selig sind ..." sondern "Selig seid ihr". Auch dies wird als Belegt dafür gesehen, dass hier ein ursprüngliches Achter-Schema vom Evangelisten erweitert wurde.
Die neunte Seligpreisung ist deutlich länger und hat einen zweiten Abschnitt, der mit den Worten beginnt "Seid fröhlich und getrost". Wenn man diesen zweiten Abschnitt als eigene Seligpreisung sieht, kommt man dann auf die Zahl von zehn Seligpreisungen, die als Parallele zu den Zehn Geboten gesehen werden kann. Ähnlich wie Mose in der Tora die Zehn Gebote den übrigen Gesetzen voranstellt, bilden für Jesus die Seligpreisungen den Auftakt zu seiner Lehre.
Bevor wir die Seligpreisungen im Einzelnen betrachten, noch ein kurzer Blick auf die Bedeutung des Begriffs "selig". Im griechischen Urtext steht hier das Wort "makarios", im Lateinischen "beatus". Im Deutschen können wird das mit "selig, glücklich, gepriesen" wiedergeben. Freude und Heil für die Armen und Trauernden. Makarios, das ist kein Wort, bei dem man ruhig bleiben kann, das spurlos an einem vorübergeht. In dem Wort stecken Emotionen, es lässt uns aufstehen. Es ist eine Ermutigung. Ihr Armen und Trauernden bleibt nicht sitzen in eurem Elend. Erkennt und staunt, ihr seid zur Heiligkeit berufen, steht auf, die Freude und das Glück warten auf euch. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber ihr müsst ihn wagen, ins Ungewisse, aber im Vertrauen darauf, dass Gott bei euch ist und euch beschenkt.

Wenn es etwas gibt, was die Heiligen kennzeichnet, dann ist es dies, dass sie wirklich glücklich sind. Sie haben das Geheimnis dieses echten Glücks entdeckt, das auf dem Grund der Seele wohnt und dessen Quelle die Gottesliebe ist. Darum werden die Heiligen seliggepriesen. Die Seligpreisungen sind ihr Weg und ihr Ziel zur Heimat hin. Die Seligpreisungen sind der Weg des Lebens, den der Herr uns lehrt, damit wir seinen Spuren folgen. (Papst Franziskus)

Die Heiligen, das sind alle, die Gottes Ruf folgen, die aufstehen und ein neues Leben wagen, mit Jesus auf sein Wort hin. Der Weg dieser Menschen unterscheidet sich grundlegend von dem der anderen Menschen in der Welt. Wer Jesus nicht kennt, dem mag dieser Weg unsinnig erscheinen, es ist in der Tat kein Weg, auf dem man zu irdischem Ruhm und Reichtum gelangt, aber er führt zu etwas, das wichtiger und größer ist als dies, er führt zu tiefem Glück und unvergänglicher Freude.