1 Petrus 2,11-25

Dienst der Christen

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Liebe Brüder, da ihr Fremde und Gäste seid in dieser Welt, ermahne ich euch: Gebt den irdischen Begierden nicht nach, die gegen die Seele kämpfen. Führt unter den Heiden ein rechtschaffenes Leben, damit sie, die euch jetzt als Übeltäter verleumden, durch eure guten Taten zur Einsicht kommen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung.
Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung: dem Kaiser, weil er über allen steht, den Statthaltern, weil sie von ihm entsandt sind, um die zu bestrafen, die Böses tun, und die auszuzeichnen, die Gutes tun.
Denn es ist der Wille Gottes, dass ihr durch eure guten Taten die Unwissenheit unverständiger Menschen zum Schweigen bringt. Handelt als Freie, aber nicht als solche, die die Freiheit als Deckmantel für das Böse nehmen, sondern wie Knechte Gottes.
Erweist allen Menschen Ehre, liebt die Brüder, fürchtet Gott und ehrt den Kaiser! (1Petr 2,11-17)

Der Erste Petrusbrief gibt hier Weisungen für ein christliches Leben. Zunächst geht es um das Verhalten der Christen in einer heidnischen Umwelt. Diese nimmt die Andersartigkeit der Christen zur Kenntnis. Die Christen sollen stets so leben, dass sie den Heiden keinen Grund zum Anstoß geben, das heißt zunächst, dass sie sie so leben sollen, wie es dem christlichen Glauben entspricht: enthaltsam und rechtschaffen. Christen sollen kein ausschweifendes Leben führen und auch keine Verbrechen begehen.
Zudem sollen sich die Christen der staatlichen Ordnung unterwerfen. Anders als der Islam ist das Christentum keine politische Religion. Das Christentum mit seinen Forderungen zur Feindesliebe und dem Ideal der Gütergemeinschaft kann nicht die Grundlage für ein staatliches Gebilde geben. Immer dann, wenn ein Staat "christlich" wurde, führte das zu einer Abwertung christlicher Ideale. Christen sind in dieser Welt aber nicht von dieser Welt. Das Christentum muss stets ein Korrektiv zum allgemein verbreiteten Mainstream sein. Leider haben die Christen das in der langen Tradition "christlicher" Staaten verlernt.
Heute aber, in einer Zeit, in der es keine christlichen Staaten mehr gibt (auch wenn es noch Parteien gibt, die sich "christlich" nennen), müssen die Christen wieder ihren Platz in der Gesellschaft finden. Und dieser bedeutet eben nicht, mit dem Mainstream mitschwimmen und zu allem ja und amen sagen, auch wenn vermeintliche Gutmenschen heute zu meinen glauben, was gut ist. Nicht alles, was aus Sicht der Gutmenschen gut ist, muss auch christlich sein und die Christen sollten sich nicht von anderen das vorgeben lassen, was sie zu leben haben. Dafür gibt es die Heilige Schrift, hier steht, wie christliches Leben geht. Darauf müssen wir uns wieder neu besinnen und dieses Christliche in die Gesellschaft einbringen und es wird mehr denn je - wie schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums - etwas sein, das bei der großen Mehrheit der Menschen auf Verwunderung und Kritik stößt. Aber nur so wird das Christentum auch wieder Menschen für ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi begeistern können.
Dennoch sollten wir uns aber vor einer pauschalen Kritik christlicher Staaten hüten. Gerade durch christlichen Einfluss ist erst die freie Gesellschaftsordnung, die wir heute zumindest im "Westen" haben, möglich geworden. Soziale Gerechtigkeit, Armenfürsorge, Sorge für Kranke und Sterbende, ja die Menschenrechte selbst haben zutiefst christliche Wurzeln. Wir sollten die Freiheit, die uns die christliche Werteordnung gebracht hat, zu schätzen lernen und diese Freiheit nicht als selbstverständlich ansehen, sondern als ein Gut, das es zu verteidigen gilt.
Das Ziel der Christen ist es also nicht, staatliche Macht zu übernehmen. Die Christen unterstellen sich vielmehr bereitwillig der staatlichen Ordnung - natürlich nur solange diese in einem gewissen Sinn als gerechte Ordnung verstanden werden kann. Die Unterwerfung unter staatliche Ordnung bedeutet also nicht, einem Unrechtsregime als willige Helfer zur Verfügung zu stehen. Christen haben immer nach der Maxime christlichen Lebens, dem dreifachen Liebesgebot Jesu Christi, zu handeln. Sie werden so ein Unrechtsregime nicht stürzen, aber durch den Widerstand der Liebe massiv dessen Fundamente in Bedrängnis bringen.
Erweist allen Menschen Ehre, liebt die Brüder, fürchtet Gott und ehrt den Kaiser! Es ist täglich eine neue Herausforderung, diesen so unscheinbar daherkommenden Satz zu erfüllen.

Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften. Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? (1Petr 2,18-20a)

Für den Verfasser des Ersten Petrusbriefes waren Sklaven eine Selbstverständlichkeit. Uns ist diese Forderung, ungerechtfertigte Strafen in Geduld auf sich zu nehmen, unverständlich, und ich meine auch zurecht. Menschen als Sklaven zu halten verstößt zutiefst gegen die Würde des Menschen. Doch wir dürfen bei Sklaven nicht nur an die Farbigen in Nordamerika denken, die lange um ihre Freiheit gekämpft haben. Sklaven im Römischen Reich waren nicht nur unterprivilegierte Arbeitersklaven. Es gab Sklaven in allen gesellschaftlichen Rängen, die es auch zu Wohlstand gebracht haben. Ohne Sklaven konnte sich ein Römer keinen funktionierenden Staat vorstellen. Die Forderung nach Abschaffung der Sklaverei hätte einen Angriff der Christen auf den Römischen Staat bedeutet, und genau dies will der Erste Petrusbrief vermeiden. Wohl aber hat das Christentum in seinen Gemeinden keinen Unterschied zwischen Sklaven und Freien gemacht und dass Sklaven im religiösen Bereich freien Bürgern gleichgestellt waren, war sehr wohl eine große Errungenschaft des Christentums.

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Heilige Schrift
Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. (1Petr 2,20b-21)

Der Erste Petrusbrief zeigt auf, wie christliches Leben in der Situation der Bedrängnis gelingen kann. Es gibt Anfeindungen von außen und auch die Gefahr durch falsche Lehrer in den Gemeinden. Wer in der Bedrängnis standhaft bleiben will, muss daher auch bereit sein, Leiden zu ertragen. Aus Sicht des Ersten Petrusbriefes ist es Gnade, wenn ein Mensch recht handelt und trotzdem Leiden erdulden muss. Er wird dadurch Christus ähnlich, der wegen seiner Gerechtigkeit zum Tod am Kreuz verurteilt wurde.
Leiden als Nachfolge Christi, dieses Motiv scheint uns heute überholt. Wir wollen nicht Leiden, wir wollen Leben, und ist es nicht das Leben in Fülle, das Christus uns verheißen hat? Wo hat da das Leiden seinen Platz?
Um dieses Wort aus dem Ersten Petrusbrief besser zu verstehen, müssen wir auf den Zusammenhang sehen, in dem es steht. Die vorausgehenden Worte richten sich an Sklaven. Diese sollen ihren Herren gehorsam sein. Auch wenn bei den Christen damals Sklaven als vollwertige Gemeindemitglieder galten, wollte man nicht die Institution der Sklaverei an sich in Frage stellen. Die Sklaverei war eine der Grundlagen der Gesellschaft im Römischen Reich. Sklaven gab es in allen Gesellschaftsschichten. Sie waren nicht nur ausgebeutete Arbeitskräfte sondern auch vornehme Verwalter. In ihrem aber dennoch oft harten Leben sollen sie sich Christus zum Vorbild nehmen, der wie ein Sklave aller geworden ist.
Diese Sichtweise relativiert die auf den ersten Blick verklärten Worte über das Leid und das bedeutet auch, dass wir das Leid nicht suchen sollen, so wie es viele Asketen getan haben, die sich selbst Leiden zugefügt haben. Aber wir müssen uns auch davor hüten, zu verweichlichen. Gerade in unserer Zeit, die so viele Annehmlichkeiten bietet, ist das sehr leicht. So wie man im Sport nur durch hartes Training Fortschritte erzielen kann, so muss auch der Glaube trainiert werden.
Wir geraten immer wieder in Versuchungen. Ja, Gott ist barmherzig und er verzeiht uns immer wieder, wenn wir einen Fehler machen und ihn bereuen. Aber das berechtigt nicht zu der Einstellung, dass wir uns nicht gegen die Versuchungen zur Wehr zu setzen brauchen und uns von ihnen einfach treiben lassen. Gerade in unserer freizügigen Gesellschaft ist es ja eine große Gefahr, einfach mit dem Strom zu schwimmen und alles gut zu heißen, was Spaß macht.
Auch in Zeiten in denen es uns gut geht, gilt es, uns für das Leid zu wappnen. Wir wissen nie, was auf uns zukommt. Leid hat vielfältige Formen. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwann im Leben Leid erfährt. Wir sollen das Leid nicht suchen, und wenn es kommt, gilt es so viel wie möglich dafür zu tun, das Leid zu lindern. Aber wenn es unvermeidbar neben uns steht - so wie es damals für einen ungerecht behandelten Sklaven unvermeidbar war -, dann gilt es, das Leid anzunehmen, es zu tragen. Dabei kann uns dann der Blick auf Jesus Christus helfen, der für uns gelitten hat und das Wort aus dem Ersten Petrusbrief: "Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes."
Der Hinweis auf das Leiden Christi wird noch weiter ausgeführt durch einen Hymnus auf den leidenden Christus, der starke Anklänge an das vierte Lied vom Gottesknecht aus Jesaja 53 aufweist:

Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war kein trügerisches Wort.
Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter.
Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. (1Petr 2,22-24)

Christus hat uns durch seinen Tod am Kreuz gerettet. Er, der Gerechte, ist wegen der Ungerechtigkeit der Menschen gestorben. Er hat sich nicht gewehrt gegen das, was die Menschen ihm angetan haben. In dieser Hingabe an den Willen des Vaters, der das Leid seines Sohnes nicht verhindern wollte, hat er uns das Heil gebracht. Die Wunden Jesu sind das Heilmittel für die Wunden unserer Seele.

Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen. (1Petr 2,25)

Bei Jesus Christus haben wir unsere Heimat gefunden. Er ist unser Hirte. Er ist der gute Hirte, der selbst sein Leben riskiert, um seine Herde zu schützen, der sich dem Wolf entgegenwirft, der den Löwen besiegt. Das bedeutet das Leiden, das Jesus ertragen hat. Es war der Kampf mit dem Feind der Menschen. Er hat ihn besiegt, er hat die Menschen dem Tod entrissen und so ist aus dem Leid Jesu Christi neues Leben geworden für die Vielen.