1 Petrus 1,1-2

Einführung

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Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Auserwählten, die als Fremde in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien in der Zerstreuung leben, von Gott, dem Vater, von jeher ausersehen und durch den Geist geheiligt, um Jesus Christus gehorsam zu sein und mit seinem Blut besprengt zu werden. Gnade sei mit euch und Friede in Fülle. (1 Petr 1,1-2)

Der Erste Petrusbrief wendet sich an christliche Gemeinden in Kleinasien, die sich mit einer ihnen feindlichen Umwelt auseinander setzen müssen. In Kleinasien sind in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts lebendige Gemeinden entstanden. In der Hoffnung auf die baldige Wiederkunft des Herrn haben sie mit großem Enthusiasmus den Glauben angenommen. Doch als nach einigen Jahren das Kommen des Herrn ausbleibt, werden viele unruhig, der Alltag zieht im Gemeindeleben ein, der Eifer des Anfangs erlahmt. Zugleich kommt es zu zunehmenden Anfeindungen von außen.
Wie kann die Kirche mit dieser Situation umgehen? Kirche in Bedrängnis, das ist das Stichwort der Situation der Kirche in Kleinasien. Aus der ausbleibenden baldigen Wiederkunft des Herrn werden Endzeitvisionen, wie wir sie in ihrer Höchstform in der Offenbarung des Johannes finden, die vermutlich in einem ähnlichen Umfeld entstanden ist wie der Erste Petrusbrief. Das Blut des Lammes spielt eine wichtige Rolle, durch das die Gläubigen rein gewaschen wurden. Jesus Christus als Lamm Gottes begegnet uns bereits im Johannesevangelium. Diese Metapher wird hier vertieft und ausgeweitet.
Die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn wird wach gehalten, aber ihre Erfüllung sieht man nicht mehr in der nahen Zukunft. Und doch ist der genaue Termin ungewiss. Daher gilt es, standhaft zu bleiben, den Eifer des Anfangs nicht erlahmen zu lassen, sondern sich stets zu bewähren in den Anfechtungen, die von außen und innen die Gläubigen bedrängen. Nur wer in der Bedrängnis standhält, erlangt das Heil, das Gott verheißen hat.
Der Absender schreibt unter dem Namen des Apostels Petrus aus Babylon (5,13). Babylon wurde als Deckname für die Hauptstadt Rom verwendet. Während in der Alten Kirche die Verfasserschaft durch den Apostel Petrus anerkannt wurde, äußert die moderne Exegese daran Zweifel. Hauptargumente sind, dass der Autor vom Sprachstil her Griechisch als Muttersprache gesprochen haben muss. Zudem weist der Brief inhaltlich starke Anklänge zu den Paulusbriefen auf. Auch die Erwähnung des Paulusmitarbeiters Silvanus/Silas in 1Petr 5,12 weist auf eine Nähe zum paulinischen Schrifttum hin. Die moderne Exegese sieht daher im Ersten Petrusbrief ein pseudepigraphisches Schreiben. Dies bedeutet, dass sich ein Verfasser die Autorität einer bekannten Persönlichkeit zu Eigen macht, indem er sein Werk in deren Namen veröffentlicht, ein in der Antike nicht ungewöhnlicher Vorgang.
Die Situation der Christen, die im Brief zum Ausdruck kommt, weist auf ein fortgeschrittenes Stadium der Missionierung hin. Darin sieht die moderne Exegese ein weiteres Argument gegen die Verfasserschaft durch Petrus, denn zum Zeitpunkt des Todes des Apostels im Jahr 64 sieht man historisch ein solches Stadium noch nicht als erreicht an. Der Brief geht davon aus, dass es bereits in ganz Kleinasien christliche Gemeinden gibt, zwar noch klein und verstreut, was der Ausdruck Diaspora nahe legt, aber dennoch flächendeckend. Zudem besteht eine feste Gemeindestruktur, die gekennzeichnet ist durch ein Nebeneinander von Gemeindeleitung durch die Presbyter und charismatischen Diensten.
Die im Brief dargestellte Situation einer starken Bedrohung von außen könnte eine Entstehung des Briefes um das Jahr 90 während der ersten weitreichenden Christenverfolgung im römischen Reich unter Kaiser Domitian (81–96 n.Chr.) nahe legen. Gerade in dieser Situation bewährt sich der Glaube. Er wird geläutert, wie Silber und Gold im Feuer. Es gilt als Auszeichnung, zum auserwählten Volk Gottes zu gehören, und wie Christus durch unschuldiges Leiden zur Herrlichkeit zu gelangen. Der Erste Petrusbrief begründet die Theologie des Märtyrertums in der frühen Christenheit. Die Verfolgungen werden als Zeichen der nahen Wiederkunft Christi gedeutet.