Römerbrief 1,8-4,25

Glaube und Gesetz

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Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, weil euer Glaube in der ganzen Welt verkündet wird. (Röm 1,8)

Nach dem Eingangsgruß erfolgt der auch aus anderen Briefen vertraute Dank des Apostels für den Glauben der Gemeinde. Im Anschluss daran formuliert Paulus seinen Wunsch, die Gemeinde in Rom zu besuchen. Er erwartet sich von dem gegenseitigen Kennenlernen einen Austausch, der den Glauben beider Seiten vertieft. Beide Seiten können voneinander lernen, sowohl die Römer von Paulus als auch Paulus von den Römern. Damit sich die Römer schon einmal auf diesen Begegnung vorbereiten können, legt Paulus in dem nun folgenden langen Brief seine Theologie, oder wie er es formuliert, sein Evangelium dar. Diese Formulierung zeigt, dass der Begriff Evangelium im christlichen Bereich noch nicht für die vier Evangelien reserviert war, die ja erst nach den Paulusbriefen entstanden sind. Im Evangelium des Paulus geht es nicht so sehr um das Leben Jesu, sondern um das, was er gewirkt hat, die Gerechtmachung des Menschen vor Gott. Darzulegen, was dies bedeutet, ist das zentrale Anliegen dieses Briefes.

Denn Gott, den ich im Dienst des Evangeliums von seinem Sohn mit ganzem Herzen ehre, ist mein Zeuge: Unablässig denke ich an euch in allen meinen Gebeten und bitte darum, es möge mir durch Gottes Willen endlich gelingen, zu euch zu kommen. Denn ich sehne mich danach, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben.
Ihr sollt wissen, Brüder, dass ich mir schon oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen, aber bis heute daran gehindert wurde; denn wie bei den anderen Heiden soll meine Arbeit auch bei euch Frucht bringen. Griechen und Nichtgriechen, Gebildeten und Ungebildeten bin ich verpflichtet; so liegt mir alles daran, auch euch in Rom das Evangelium zu verkündigen.
Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen. Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben. (Röm 1,9-17)

Der aus Glauben Gerechte wird leben. Gerechtigkeit ist nicht mehr ein Privileg der Juden. Allen, die an Jesus Christus glauben, wird die Gerechtigkeit Gottes zuteil. Warum aber bedarf der Mensch dieser Gerechtmachung durch Gott? Weil alle Menschen gegen die Gerechtigkeit Gottes verstoßen haben und die Ungerechtigkeit in der Welt herrscht.

Der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. Denn was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar. (Röm 1,18-20)

Jeder Mensch hat die Möglichkeit, Gott zu erkennen. Die Theologie spricht hier von einer natürlichen Gotteserkenntnis. Die Schöpfung, die jedem Menschen ersichtlich ist, ist eine Quelle der Offenbarung Gottes. Anhand der Schöpfung kann der Mensch auf seine Geschöpflichkeit schließen und daraus erkennen, dass es einen Schöpfer gibt. Doch die Menschen zogen aus der Betrachtung der Schöpfung die falschen Schlüsse. Sie haben im Werk den Schöpfer nicht erkannt. Der Mensch richtet sich nach seiner eigenen Weisheit und nicht nach der Weisheit Gottes. Daher sind die Menschen zu Toren geworden und dadurch kam die Ungerechtigkeit in die Welt.

Was ist nun der Vorzug der Juden, der Nutzen der Beschneidung? Er ist groß in jeder Hinsicht. Vor allem: Ihnen sind die Worte Gottes anvertraut. (Röm 3,1-2)

Paulus schreibt hier an Judenchristen. Ihnen gegenüber macht er deutlich, dass er durchaus einen Nutzen in der Beschneidung und im jüdischen Gesetz sieht, auch wenn er lehrt, dass Heidenchristen von der Beschneidung und der Einhaltung des jüdischen Gesetzes befreit sind. Das Gesetz hatte eine Aufgabe, es war der Erzieher des Volkes Israel bis zum Kommen Jesu Christi. Das Gesetz ist Zeichen der Auserwählung des Volkes Gottes und stiftet zugleich die Identität, mit der das Volk Gottes sich durch die Zeiten hindurch von den anderen Völkern unterschieden hat. Doch mit Christus ist auch das Volk Israel in ein neues Zeitalter eingetreten:

Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: die Gerechtigkeit Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben. Denn es gibt keinen Unterschied: Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. (Röm 3,21-24)

Das Gesetz führte nicht zur Gerechtigkeit. Es hat vielmehr immer wieder dem Menschen seine Sündhaftigkeit vor Augen geführt. Die Gerechtigkeit kommt allein durch den Glauben an Jesus Christus. Sie kann vom Menschen nicht selbst erreicht werden, sondern ist ganz ein Geschenk Gottes.
Immer wieder ist im Römerbrief vom Glauben die Rede. Aber was heißt Glaube? Sicher kennen sie den meiner Ansicht nach ziemlich dummen Satz "Glauben heißt nicht Wissen". Da lässt sich dann aber weiter fragen: Was wissen wir wirklich? Besonders seit der Aufklärung gilt das als Wissen, was sich mathematisch-naturwissenschaftlich überprüfen und messen lässt. Wir sprechen von den Naturgesetzen, die der Mensch erforscht und sich zunutze macht. Dadurch sind dem Menschen enorme Fortschritte in der Technik möglich geworden. Heute aber erkennt auch die Wissenschaft, dass die Welt nicht so klar definiert ist, wie es sich die Wissenschaftler in der Zeit der Aufklärung gedacht haben. Vor allem mit der Quantenphysik stößt der Mensch in Bereiche vor, die erkennen lassen, dass die Welt ganz anderes ist, als wir sie mit unseren Sinnen wahrnehmen. Zeit und Raum sind keine unveränderlichen Größen. Es tun sich ganz neue Perspektiven auf.
Zudem kann heute auch kein Mensch mehr dieses ungeheure naturwissenschaftliche Wissen präsent haben kann. Es gibt einzelne Spezialisten, die ihr Spezialgebiet intensiv erforschen und dieses Wissen an andere weitergeben. Somit beruhen auch die Naturwissenschaften darauf, dass wir vieles eigentlich nicht wissen und uns daher auf andere verlassen müssen. Alle Produkte, die wir im Alltag verwenden, von den Elektrogeräten über das Auto bis hin zu Medikamenten verstehen wir letztlich nicht. Wir verlassen uns auf die, die für deren Herstellung zuständig sind und gehen davon aus, dass wir mit unserem eingeschränkten Wissen diese Dinge gebrauchen können. Wir haben gelernt, mit ihnen umzugehen, auch wenn wir sie nicht verstehen. Wohl kaum einer wird aber in diesem Fall von Glauben sprechen.
Glaube bezieht sich nicht auf sichtbare, sinnlich wahrnehmbare Dinge, aber dennoch auf etwas, das real ist. Wirklichkeit ist mehr als das, was wir mit unseren Augen sehen können. Das ist eine Tatsache, die auch in den modernen Naturwissenschaften zunehmend wieder Anerkennung findet. Es war eine wissenschaftliche Engführung anzunehmen, dass das Unsichtbare weniger real ist als die sichtbaren Dinge. In unserer stark materialistisch geprägten Gesellschaft gilt aber auch heute noch, dass nur das Sichtbare, das Mess- und Zählbare wirklich ist. Wer darüber hinaus noch an etwas anderes, an eine jenseitige Welt, an Gott glaubt, darf dies zwar gerne tun, wird aber nur allzu oft belächelt und soll vor allem nicht meinen, dass er andere von einem solchen Glauben überzeugen sollte. Der Glaube ist zur Privatsache jedes einzelnen geworden, weil ausgeschlossen wird, dass ihm etwas Reales, anderen objektiv Vermittelbares und für alles Menschen Gültiges zu Grunde liegt.
Das war nicht immer so. In der griechischen Philosophie gab es eine vorherrschende Tendenz dahingehend, dass das Sichtbare nicht das Eigentliche ist, vielmehr das wirklich Seiende nicht sichtbar und nur mit dem Geist erkennbar ist. Auch in der christlichen Theologie galt mindestens bis ins Mittelalter die Überzeugung, dass geistige Erkenntnis die Sinneserkenntnis übersteigt. Dass der Mensch mit seinem Verstand auch die Dinge dieser Welt erforschen kann, galt eher als Nebenprodukt. Der Verstand ist dem Menschen von Gott gegeben, und er ist ihm vor allem dazu gegeben, dass der Mensch Gott erkennen kann.
Es galt die Überzeugung, dass Gott die existierende objektive Wahrheit ist, die für alle Menschen gültig ist und deren Existenz jeder Mensch mit seinem Verstand erkennen kann, sofern er nur diesen Verstand in rechter Weise gebraucht. Der Mensch kann Gott, der in seinem Wesen Wahrheit ist, erkennen, weil eine Ähnlichkeit zwischen Mensch und Gott besteht. Der Mensch ist Bild Gottes, nicht seinem Körper nach, sondern durch den Verstand, mit dem er Gott erkennen kann. Da der Mensch aber irdisch ist, ist ihm diese Erkenntnis Gottes nicht in ihrer Fülle möglich. Erst nach dem Tod wird Gott dem Menschen schenken, ihn zu schauen, wie er ist.
Im Hebräerbrief (11,1) heißt es: Glaube ist die Substanz der Dinge, die man erhofft, Beweis für nicht Sichtbares. Das bedeutet, dass die subjektive Entscheidung für den Glauben die objektive Existenz dessen, was man glaubt, voraussetzt. Glaube ist also mehr als das subjektive Fürwahrhalten von etwas, das man nicht wissen kann. Vielmehr wird durch den Glauben die existierende objektive Wahrheit in das Leben des Einzelnen hineingenommen. Da diese Wahrheit aber die menschliche Fassungskraft übersteigt, geschieht dies nur in Teilen und nicht in ganzer Fülle. Der Verstand des Menschen ist dazu aufgefordert - und auch dazu fähig - die Wahrheit immer tiefer zu ergründen und den Willen dazu anzutreiben, das Erkannte im Leben des ganzen Menschen umzusetzen.
Dieser Glaube verändert den Menschen. Wer Gottes Wirklichkeit anerkennt, den wird diese Wirklichkeit verändern. In diesem Glauben, dieser Anerkennung Gottes, geschieht die Gerechtmachung des Menschen. Dieser Glaube aber ist nicht diffus, sondern hat ein klares Zentrum: Jesus Christus. In ihm hat Gott sich den Menschen offenbart und den Weg des Glaubens aufgezeigt.