Kolosserbrief 1,1-2

Einführung

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Kolosser
Paulus, durch den Willen Gottes Apostel Christi Jesu, und der Bruder Timotheus an die heiligen Brüder in Kolossä, die an Christus glauben. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater. (Kol 1,1-2)

Der Kolosserbrief nennt Paulus und Timotheus als Verfasser. Wie in anderen Briefen, wird auch hier Paulus als Apostel bezeichnet. Timotheus wird durch seine Klassifizierung als Bruder des Paulus diesem an Würde gleichgestellt. Ungewöhnlich ist die Formulierung heilige Brüder, die nur hier vorkommt. Von ihrer Bedeutung her ist sie aber mit anderen Stellen der Paulusbriefe verwandt, in denen die Gläubigen als Heilige bezeichnet werden.
Die moderne Exegese betrachtet, trotz der Nennung des Paulus im Präskript und dem Hinweis auf den eigenhändig von Paulus geschriebenen Gruß am Ende des Briefes, die paulinische Verfasserschaft des Kolosserbriefes als literarische Fiktion. Sie begründet dies vor allem mit starken Unterschieden in der Christologie und Eschatologie zu anderen Paulusbriefen und sieht in dem Brief ein um das Jahr 70 entstandenes Werk von Paulusschülern. Jedoch können die Unterschiede auch mit einer Weiterentwicklung der theologischen Sichtweise des Paulus selbst und einer Anpassung an die Situation der Gemeinde erklärt werden.
Bereits die Kirchenväter sahen im Kolosserbrief einen späten Brief des Paulus. Johannes Chrysostomus versucht folgende Einordnung:

Dieser Brief scheint später verfasst zu sein als der an die Römer. Denn diesen schrieb er, als er die Römer noch nicht gesehen hatte, jenen dagegen, als er bereits mit ihnen zusammengekommen war und am Ende seiner apostolischen Laufbahn stand. Das geht deutlich aus folgendem hervor. Im Briefe an Philemon sagt er: "Da du ebenso wie Paulus ein alter Mann bist", und bittet für Onesimus; in dem vorliegenden aber schickt er den Onesimus selbst, wie es denn heißt: "Mit Onesimus, dem treuen und vielgeliebten Bruder", indem er ihn treu und vielgeliebt und Bruder nennt. Darum spricht Paulus in unserem Brief auch mit Zuversicht: "Von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, das gepredigt wurde in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist." Denn die Predigt des Evangeliums hatte bereits geraume Zeit gedauert. Meines Erachtens nun ist der Brief an Timotheus später als dieser und erst gegen sein Lebensende verfasst, es heißt nämlich dort: "denn ich werde schon hingeopfert." Unser Brief nun ist älter als der an die Philipper; denn da stand Paulus damals am Anfang seiner römischen Haft.

Wie die Briefe an Philemon, die Philipper und die Epheser zählt der Kolosserbrief zu den sogenannten Gefangenschaftsbriefen, die Paulus, ob real oder fiktiv, aus dem Gefängnis geschrieben hat.

Heilig sind alle paulinischen Briefe, aber diejenigen, welche der Apostel aus Kerker und Banden sendet, haben etwas vor den anderen voraus, wie der an die Epheser, der an Philemon, der an Timotheus, der an die Philipper und der vorliegende hier. Denn auch dieser wurde von ihm abgesendet, während er in Fesseln lag. (Johannes Chrysostomus)

Die Gemeinde in Kolossä war Paulus persönlich nicht bekannt. Der Kolosserbrief ist somit der einzige Paulusbrief, der an eine Gemeinde gerichtet ist, die Paulus weder selbst missioniert hat, noch selbst zu besuchen beabsichtigt. Die Mission war durch Epaphras erfolgt, der im Brief als „geliebter Mitarbeiter“ des Paulus bezeichnet wird und dessen Legitimation somit durch Paulus bekräftigt wird. Er hat Paulus vom Zustand der Gemeinde berichtet und auch von einer Irrlehre, die sich in Kolossä und anderen Gemeinden in der Umgebung ausgebreitet hat.
Der Brief will vor allem die durch diese Irrlehre verunsicherten Christen in ihrem Glauben stärken und die kirchliche Struktur festigen, die durch Paulus und seine Mitarbeiter repräsentiert wird, letztlich aber durch das von Christus legitimierte Apostelamt des Paulus auf Christus gründet. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass der Brief auch in der Gemeinde der Nachbarstadt Laodizea vorgelesen werden soll, gleichwie der Brief an diese Gemeinde, der uns nicht erhalten ist, auch in Kolossä vorgelesen werden soll. Aus diesem Grund sehen manche Exegeten in dem Kolosserbrief eher ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden, als einen an eine einzelne Gemeinde gerichteten Brief.
Die phrygische Stadt Kolossä war zu Zeit des Paulus eine eher unbedeutende Kleinstadt. Sie liegt im fruchtbaren Tal des Lykos, eines Nebenflusses des Mäanders, an einer wichtigen Handelsstraße in der Nähe der zu jener Zeit weitaus bedeutenderen Städte Hierapolis und Laodizea. Seine einstige Bedeutung hatte Kolossä verloren, nachdem es mehrmals durch Erdbeben zerstört wurde, woraufhin wichtige Handels- und Verwaltungssitze von dort in sicherere Städte abwanderten. Obwohl es in jener Gegend sicher viele Juden gab, da in Geschichtsquellen berichtet wird, dass Antiochus III. diese dort angesiedelt hatte, bestand die Gemeinde in Kolossä weitgehend aus Heidenchristen.
Die Irrlehre, die damals um sich gegriffen hat, lässt sich anhand der Aussagen des Briefes nicht exakt definieren. Ihr zentraler Bestandteil war offensichtlich die Beachtung der Weltelemente, die als personale Schicksalsmächte gesehen wurden, was eine unchristliche Engellehre zur Folge hatte. Daneben werden asketische Speise- und Sexualgebote und die Forderung nach Beachtung bestimmter Zeiten erwähnt. Möglicherweise war mit dieser Lehre auch die in anderen Paulusbriefen viel diskutierte Forderung nach der Beschneidung der Heidenchristen verbunden. Dies alles bedeutet für Paulus eine Abkehr von Christus, der das Fundament des Glaubens ist, zu dem er die Kolosser zurückführen möchte.

Die Kolosser wollten durch Vermittlung der Engel zu Gott zu gelangen, beobachteten viele jüdische und heidnische Gebräuche. Darüber nun weist er sie zurecht. ... Sage mir doch, will er fragen, wieso bist du denn ein Heiliger geworden? Wieso wirst du denn ein Gläubiger genannt? Nicht deshalb, weil du durch den Tod Christi geheiligt wurdest? Nicht deshalb, weil du an Christus glaubst? Wieso bist du ein Bruder geworden? Du hattest dich ja weder in Worten noch in Werken noch durch vollkommenen Lebenswandel als einen Gläubigen gezeigt. Sage mir, wieso wurden dir denn so große Geheimnisse anvertraut? Geschah es nicht durch Christus? ... Wer hat diese großen Dinge zustande gebracht? Wer hat dich heilig gemacht? Wer gläubig? Wer zu einem Kind Gottes? Der dich des Glaubens würdig gemacht hat, derselbe ist auch die Ursache, dass dir alles zum Glauben anvertraut worden ist. (Johannes Chrysostomus)