Hebräerbrief 1,1-14

Erhabener als die Engel

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Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat. (Hebr 1,1-2)

Gott hat sich den Menschen im Alten Bund offenbart. Den Lesern sind die vielfältigen Ausdrucksweisen Gottes vertraut, die uns das Alte Testament überliefert hat. Doch alle diese Offenbarungen übertrifft das, was Gott nun getan hat. Er hat sein lebendiges Wort in die Welt gesandt, um als Mensch den Menschen Gottes Wort zu verkünden.
Der Sohn ist Gottes Wort. Er ist der Schöpfungsmittler und in ihm wird die Schöpfung auch vollendet werden. Mit dem Kommen des Wortes Gottes ist die Endzeit angebrochen, in der diese Vollendung der Schöpfung beginnt. Der unüberbietbaren Offenbarung Gottes durch den Sohn wird keine weitere neue Offenbarung folgen.
Diese Stelle aus dem Hebräerbrief ist die Lesung im Hochamt am Weihnachtstag, an dem als Evangelium der Johannesprolog gelesen wird. Neben der Darstellung der Geburt Jesu im Matthäus- und Lukasevangelium weisen auch diese beiden Stellen auf die Geburt Jesu hin. Zwar erfahren wir hier nichts von Maria und Josef oder dem Stall in Betlehem, aber sie tun uns das große Geheimnis kund, das eines der zentralen Aussagen unseres Glaubens ist:
Gott Sohn ist in die Welt gekommen, Gottes Wort hat menschlich zu uns gesprochen. Als Geschöpfe Gottes sind wir von Gott berufen, Anteil an Gottes neuer Schöpfung zu haben.
Die Welt ist in Gottes Hand. Er hat sie geschaffen und er will sie zur Vollendung führen. Die Erde ist mehr als ein Planet, der auf einer physikalisch berechenbaren Bahn durch das Weltall rast. Die Bewohner der Erde sind mehr als zufällige Produkte der Evolution.
Hinter allem steht Gottes Plan, alles wird getragen von seinem Wort. Gottes Wort, durch das die Welt geschaffen wurde, ruft uns in die Gemeinschaft mit Gott. Durch den das All wurde, er wird auch alles wieder in sich vereinen und dann wird Gott sein alles und in allem.
1 Kor 15,28 ist sicher eine der bedeutendsten Parallelstellen vom Hebräerbrief. Auch hier erscheint der Sohn als Schöpfungsmittler, der alles in sich vereint, um sich dann selbst zusammen mit allem dem Vater zu unterwerfen, damit in Gott alles eins ist.
Der Hebräerbrief hebt hier mehr auf den Gedanken des Erbes ab, der auch später noch wiederkehren wird. Erbe meint immer den definitiven Übergang in die Verfügungsgewalt eines anderen. Durch den Sohn übergibt der Vater den Menschen die Erde ganz neu. Die neue Schöpfung, in der die ursprüngliche Gottebenbildlichkeit des Menschen wiederhergestellt wird, hebt mit Jesus Christus an. Er bewirkt die Reinigung von den Sünden, die Gottes Abbild im Menschen verd(r)eckt haben. Der Brief wird später in seiner Opfertheologie entfalten, wie Gott dies wirkt. Es konnte nur geschehen, weil der Sohn, das Vollkommene Abbild Gottes, sich in seiner Hingabe erniedrigt hat. Doch zugleich hat Gott ihn erhöht und so seine Erhabenheit offenbart.

Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; er ist um so viel erhabener als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt. (Hebr 1,3-4)

Die Lehre von den Engeln hat in der Geschichte immer wieder Höhen und Tiefen erfahren, manchmal werden sie als reine Phantasiegebilde abgetan, manchmal wird ihnen eine fundamentale Bedeutung zugeschrieben. Die Heilige Schrift berichtet immer wieder von Engeln. Der Glaube an die Existenz der Engel ist im Christentum fest verwurzelt. Sie sind Boten Gottes und Gesandte zu Schutz der Menschen.
In Gottes Heilsplan kommt ihnen eine dienende Funktion zu. Ein Engel verkündet Maria die Geburt ihres Sohnes, ein Engel steht am leeren Grab, Engel beschützen die Verkünder des Wortes Gottes. Aber das Heilsgeschehen wirkt Gott selbst in seinem Sohn. Jesus Christus ist Gott und von daher unterscheidet er sich fundamental von den Engeln.
Genauso wie es eine Irrlehre ist, die Existenz von Engeln zu leugnen, so ist es auch eine Irrlehre, die Bedeutung der Engel zu überhöhen. Möglicherweise will der Hebräerbrief gegen solche Tendenzen angehen. Gottes Sohn ist erhabener als die Engel. In der Heilsgeschichte geht es nicht um die Engel, sondern um das Heil der Menschen, das Gott selbst wirkt in seinem Sohn. Das untermauert der Autor des Briefes im folgenden Abschnitt durch Zitate aus der Heiligen Schrift.

Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein?
Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.
Und von den Engeln sagt er: Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen; von dem Sohn aber: Dein Thron, o Gott, steht für immer und ewig, und: Das Zepter seiner Herrschaft ist ein gerechtes Zepter. Du liebst das Recht und hasst das Unrecht, darum, o Gott, hat dein Gott dich gesalbt mit dem Öl der Freude wie keinen deiner Gefährten.
Und: Du, Herr, hast vorzeiten der Erde Grund gelegt, die Himmel sind das Werk deiner Hände. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle veralten wie ein Gewand; du rollst sie zusammen wie einen Mantel und wie ein Gewand werden sie gewechselt. Du aber bleibst, der du bist, und deine Jahre enden nie.
Zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Setze dich mir zur Rechten, und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße?
Sind sie nicht alle nur dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen? (Hebr 1,5-14)