Psalm 24 (23)

Einzug ins Heiligtum

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Psalmen
1[Ein Psalm Davids.] Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, / der Erdkreis und seine Bewohner.
2Denn er hat ihn auf Meere gegründet, / ihn über Strömen befestigt. (Ps 24,1-2)

Der erste Vers des Psalms benennt eine Tatsache: Die Erde gehört dem Herrn. Gott hat die Welt geschaffen. Sie ist in seiner Hand. Gott ist Herr des Universums. Alles, was auf der Erde lebt, gehört Gott. Er hat Meer und Land getrennt, hat den fruchtbaren Boden und die Pflanzen und Tiere darauf geschaffen. Er hat dem Menschen, den er mit Geist und Freiheit ausgestattet hat, die Erde anvertraut, sie zu nutzen und zu verwalten.

Er ist der Gott der Ordnung ... der das Ich aus dem gestaltlosen Urgrund herausruft und über ihm befestigt. Darum ist auch ... nur die Lebensweise des Menschen göttlich, die in einem spezifischen Sinne menschlich, gottebenbildlich ist, eine vernunftgeleitete, verantwortliche Lebensweise, die ihrerseits das Erdreich über den Wassern befestigt, ohne deshalb das Wasser, den unersetzlichen Urgrund des Lebens, auszutrocknen. (Robert Spaemann)

In den folgenden Versen schildert der Psalmist die Zutrittsbedingungen für das Heiligtum:

3Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn, / wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, / der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.

Unschuldige Hände und ein reines Herz heißt es wörtlich übersetzt. Hände, an denen kein Blut klebt und die nicht gierig zusammenraffen, sondern Hände, die sich dem anderen helfend entgegen strecken, die selbstlos schenken und zum Gebet zu Gott erhoben sind.
Ein Herz, das nicht zur Mördergrube geworden ist und voll ist von Hass und bösen Gedanken, sondern ein Herz, das voller Liebe ist, ehrlich und wahrhaftig. Diesen Menschen spricht der Psalmist den Segen Gottes zu.

5Er wird Segen empfangen vom Herrn / und Heil von Gott, seinem Helfer.
6Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, / die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs. [Sela]

Menschen mit reinen Händen und lauterem Herzen empfangen Gottes Segen und werden so zu Menschen, die Gott suchen. Ist diese Reihenfolge nicht unlogisch? Steht nicht am Anfang die Suche nach Gott, unser Bemühen, ihn zu finden? Müssen wir uns nicht zuerst um das reine Herz mühen, damit Gott zu uns kommen kann?
Wenn es so wäre, bliebe Gott den Menschen fremd. Kein Mensch kann aus eigener Anstrengung so rein und heilig werden, dass er Gott gleich wäre. Es ist vielmehr Gott, der die Initiative ergreift und uns rein und heilig macht durch seine Gnade. Gott kommt dem Menschen entgegen, um ihn zu sich zu führen. Wenn ein Mensch von Gottes Gnade angerührt wurde, dann ist er bereit, sich auf dem Weg zu Gott zu machen. Doch viele Menschen nutzen das Geschenk Gottes nicht und bleiben lieber in ihrer kleinen Welt, als sich auf den Weg zu machen zum Tempel Gottes - sie bleiben lieber armselige Menschen, als ihre Leib zum Tempel Gottes zu machen.

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Psalmen

Nachdem der Psalmist den Weg des Menschen zum Heiligtum gezeigt hat, schildert er mit machtvollen Worten den Weg Gottes zu seinem Heiligtum, dem Ort, wo Gott und Mensch sich begegnen. Für Israel war es der Tempel in Jerusalem, in dem die Lade Gottes - Zeichen der Gegenwart Gottes während der Wanderjahre - nun ihren festen Ort bekommt.

7Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.
8Wer ist der König der Herrlichkeit? / Der Herr, stark und gewaltig, / der Herr, mächtig im Kampf.
9Ihr Tore, hebt euch nach oben, / hebt euch, ihr uralten Pforten; / denn es kommt der König der Herrlichkeit.
10Wer ist der König der Herrlichkeit? / Der Herr der Heerscharen, / er ist der König der Herrlichkeit. [Sela]

Als Christen hören wir hier den Ruf des Trishagion:

Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarm dich unser.

Gott ist der Heilige, der Starke und Gewaltige, der Unsterbliche, der Allerbarmer. Er, der so erhaben ist über die Welt und die Menschen, er kommt den Menschen entgegen, wird selbst Mensch, nimmt Wohnung unter den Menschen, nicht mehr in einem Tempel, sondern als Mensch unter Menschen und bleibt in den Zeichen von Brot und Wein mitten unter uns, bis er einst wiederkommen wird, um das Vergängliche in Unvergängliches zu verwandeln.
Er kommt uns entgegen, um uns zu sich zu führen. Er schenkt uns seine Gnade. Erkennen wir das Geschenk, das er in uns gelegt hat, stehen wir auf, machen wir uns auf den Weg, nicht in die Ferne, sondern in unsere Mitte, wo Gott den Kern unserer Heiligkeit gelegt hat. Werden wir das, wozu Gott uns geschaffen hat. Werden wir zum Heiligtum, durch das Gottes Gegenwart in dieser Welt erfahrbar wird.